Michael Flitner: Lärm an der Grenze. Fluglärm und Umweltgerechtigkeit am Beispiel des multinationalen Flughafens Basel-Mulhouse. Stuttgart 2007 (Erdkundliches Wissen, Band 140). 238 S.

Seit langem ist bekannt, das sich mehr als zwei Drittel der deutschen Bevölkerung in ihrem Wohnumfeld durch Lärm gestört fühlen. Hierzu zählt an vielen Orten der Flugverkehr. Anders als die üblicherweise mit Dezibel agierende Lärmforschung, konzentriert sich die Studie auf die kulturelle und soziale Bedeutung des Fluglärms und seiner räumlichen Verteilung. Auf diese Weise werden andere Zugänge zur Qualität und Symbolik des Lärms eröffnet und neuartige Möglichkeiten zum Umgang mit dem Problem erwartet. Flitner schließt so aus geographischer Perspektive an das relativ junge, aus den USA stammende Forschungsfeld der Umweltgerechtigkeit an.

In vier Teilen wird der Leser durch die Untersuchung geführt: Einleitend wird das Verständnis von Lärmkonflikten hergestellt, anschließend werden die Grundlagen der Umweltgerechtigkeit analysiert und danach das untersuchte Fallbeispiel Flughafen Basel-Mulhouse in mehreren Schritten kritisch beleuchtet. Abschließend stellt der Autor das Forschungsthema Umweltgerechtigkeit in den Zusammenhang zur geographischen Umweltforschung. Die generelle Konzeption der Untersuchung wird aus Betrachtungen zur Umweltgerechtigkeit begründet, wobei die verwendeten Maßstäbe der Umweltgerechtigkeit etwas verschwommen bleiben und nicht ganz deutlich wird, wie sich Umweltgerechtigkeit bemisst.
Wenngleich von jeher klar ist, dass mit Lärm eine über der physikalischen Messgröße stehende subjektive Bewertung eines Schallereignisses bezeichnet wird, wird sehr leserlich vermittelt, dass damit gleichzeitig ein soziales und kulturelles Phänomen betrachtet werden muss. Dieses Phänomen dient als Ausgangspunkt der Untersuchung. Vorwiegend werden selbst erhobene, qualitative Daten aus Interviews verwendet, was die Studie als sozialwissenschaftliche humangeographische Untersuchung kennzeichnet. Besonders deutlich wird dies auch durch häufig eingestreute, anschauliche Originalzitate aus Interviews, die als Belege für gewonnene Aussagen gelten. Die von verschiedenen Seiten angegangene Aufbereitung der Konfliktfelder im Kernbereich der Untersuchung vermittelt so einen breiten Eindruck der heterogenen Problematik des Fluglärms jenseits der häufig anzutreffenden Dezibel-Vertreter.
Gerade hier aber entsteht die Frage nach den konkreten Ergebnissen und der Verwendbarkeit der Untersuchung. Sicher ist sehr interessant, wie verschiedene subjektive Empfindungen zu unterschiedlichen Bedeutungen und Beschreibungen der Lärmproblematik führen. Aber es mangelt an einer definierten Schnittstelle zur "konservativen" Lärmbeurteilung und Regulierung, um die aufgezeigten Defizite und Probleme einer Lösung zuzuführen. Schaut man sich die drei Punkte knappen Ergebnisse an, so ist die Feststellung, dass die vom Fluglärm Betroffenen sich nicht angemessen berücksichtigt fühlen, zunächst nicht neu. Die Überlegung, Fenster geringer Flugaktivität für stark belastete Gebiete einzurichten, klingt interessant, wäre aber noch in Hinblick auf Fragen wie Objektivierbarkeit, Bewertung und Umsetzung weiter zu klären. Schließlich wird angregt, die institutionelle und politisch-rechtliche Konstruktion des Flughafens zu überdenken. Dies bleibt eher unbestimmt und man fragt sich, ob sich aus den Erhebungen und Interpretationen nun gebündelte und auf den Punkt gebrachte, handlungsleitende Aussagen für die Politik ergeben können. Aber letztlich wird die im Buchtitel genannte Grenze des Lärms nicht so definiert, dass sich daraus umsetzbare Schritte ableiten ließen. Denn im konkret belasteten Raum geht es doch darum, solche Handlungserfordernisse aufzuzeigen und so hart zu begründen, dass aus der Summe rechtlicher, medizinischer und sozialer Aspekte die Notwendigkeit von Maßnahmen zur Verminderung und auch zur gerechteren Verteilung der Belastungswirkungen für Entscheidungsträger außer Frage steht. Gerade der Bereich des Fluglärmschutzes verlangt aufgrund der Erkenntnisse der Lärmwirkungsforschung nach sehr konkreten Regulierungen.
Wäre nicht als Grundlage der Untersuchung eine räumlich exakte Abbildung der Geräusche und der darauf aufbauenden Bewertung des Lärms (auch eine Umrechnung des französischen Index zum Vergleich mit den deutschen Lärmwerten) im Hinblick auf betroffene Nutzungen, soziale Gruppen erforderlich? Liegt das richtig dargelegte Scheitern der Lärmzonenpläne nicht vielmehr daran, dass dort statt exakter Lärmprognose und den Erkenntnisse der Lärmwirkungsforschung politisches Kalkül zugrunde gelegt wurden? Müsste nicht vielmehr eine verlässliche (quantifizierbare) Definition von Ruhe oder Umweltqualität in Bezug auf Lärm für Auseinandersetzungen und politische Prozesse entwickelt werden? Problemlösungen zum Fluglärm (wie flugtechnische Konzeptionen, Routen, Zeiten, Auslastung etc.) sind auf die Beachtung von Lärmwirkungen aufgrund der exakten Definition von gesundheitlichen Gefahren und Belästigungen und deren Überführung in messbare Größen angewiesen. Politisches Handeln und Rechtsetzung bzw. Rechtsprechung brauchen verlässliche und einklagbare, letztlich quantifizierbare Größen. Selten nur kann da auf subjektive Einschätzungen und Empfindungen zurückgegriffen werden. So entsteht durch diese Untersuchung am Ende zwar ein weiterer Zugang zum Fluglärmproblem. Dem stetig wachsenden Fluglärm wird in der konkreten gesellschaftlichen Auseinandersetzung aber vermutlich wenig Hilfreiches entgegengesetzt.
Autor: Wilfried Kühling

Quelle: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie Jg. 52 (2008) Heft 4, S. 253-254

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