Saim Muhammad: Future Urbanization Patterns: In the Netherlands, under the Influence of Information and Communication Technologies. Utrecht 2007 (Nederlandse Geografische Studies 363).187 S.

Ausgangspunkt der Dissertation, die Saim Muhammad am "Urban and Regional Research Centre Utrecht" (URU) geschrieben hat, ist die Beobachtung, dass die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien Erreichbarkeiten und Distanzen zwischen Wohnstandort und Arbeitsplatz verändern und dadurch einen großen Einfluss auf die räumliche und zeitliche Organisation der Berufstätigen ausüben. Der verbesserte Zugang zur Arbeit, der bei den neuen Formen von Telearbeit mit einer neuen räumlichen Unabhängigkeit des Arbeitnehmers verbunden ist, hat Folgen für die Raum- und Siedlungsstruktur eines Landes. Wie sich dies in den Niederlanden in den vergangenen Jahren dargestellt hat und wie sich dies in diesem Land in Zukunft entwickeln wird, ist der anspruchsvolle Gegenstand der vorliegenden Untersuchung.
Zu diesem Zweck verwendet Muhammad einen Modellansatz, bei dem zwei Szenarien für den Standort von Arbeitsplätzen eine zentrale Rolle spielen. Eines der beiden Szenarien bezieht sich auf die Entwicklung des physischen Raums, das andere Szenario auf einen hybriden Raum, der sich aus dem Zusammenspiel von physischem und virtuellem Raum bei der Verrichtung von Telearbeit ergibt. Mit aufwändigen und nicht leicht nachvollziehbaren Modellrechnungen, bei denen Daten zur Verbreitung von Telearbeit in den unterschiedlichen Wirtschaftsbereichen ebenso eine wichtige Rolle spielen wie Daten zur Verlängerung von Pendeldistanzen in den letzten Jahren, werden nun die Veränderungen der Zugänglichkeit von Arbeitsplätzen rückwirkend für die drei Jahre 1986, 1995 und 2000 sowie in die Zukunft gerichtet für das Jahre 2020 dargestellt. Für das Jahr 2030 wird zudem ein zukünftiges Siedlungsmuster der Niederlande herausgearbeitet. Dabei zeigt die Studie, dass Telearbeit zu einer größeren Standortunabhängigkeit führt und sich deshalb das Siedlungsmuster der Niederlande in den kommenden Jahren grundlegend verändern wird. Neue Dekonzentrationsprozesse werden nach Ansicht von Muhammad die herausragende Rolle der Randstadt im zukünftigen niederländischen Städtesystem verändern.
Um das Ergebnis der Arbeit nachzuvollziehen, muss sich der Leser auf ein kompliziertes mathematisches Modell einlassen und ein hohes Maß an Interesse für den Zugang der Modellierung mitbringen. Solche Ansätze sind derzeit in der deutschsprachigen Stadtgeographie, aber auch jenseits der Geographie in den benachbarten Regionalwissenschaften nur wenig verbreitet. Deshalb ist die Lektüre der Dissertation wohl anregend, in ihrem Ergebnis aber auch ein wenig fremd, weil sich nach meiner Einschätzung sozialräumliche Prozesse, die hinter einem Siedlungsmuster stehen, nur schwer mit mathematischen Formeln fassen lassen.
Autor: Claus-C. Wiegandt

Quelle: Erdkunde, 62. Jahrgang, 2008, Heft 2, S. 176

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