Pascal Goeke: Transnationale Migrationen. Post-jugoslawische Biografien in der Weltgesellschaft. Bielefeld 2007. 389 S.

Das Ziel der von Pascal Goeke vorgelegten Arbeit ist zweifellos ambitioniert: Sie bemüht sich um nicht weniger als eine Synthese - oder gar Versöhnung - der beiden in der Migrations- bzw. Minoritätenforschung seit einiger Zeit kontrovers diskutierten und sich unversöhnlich gegenüber stehenden assimiliations- und integrationtheoretischen Ansätze auf der einen und der in der jüngeren Vergangenheit so populär gewordenen Konzepte der Transnationalität auf der anderen Seite. Als vermittelnder und die Widersprüche auflösender theoretischer Rahmen dient dem Autor die Systemtheorie Niklas Luhmanns - mit dem zentralen Konzept der "Weltgesellschaft" - in der von Michael Bommes (1999) vorgenommenen "Aufbereitung" für die Migrationsforschung.

Nach Auffassung Goekes sind sowohl die Assimilationisten wie die Transnationalisten in gleicher Weise dem Paradigma des Nationalstaates und seiner territorialen Grenzziehungen verpflichtet: Dieser "methodologische Nationalismus" (S. 28) sei jedoch angesichts der Komplexität der modernen Weltgesellschaft als obsolet zu betrachten, werde diese Weltgesellschaft im Sinne der Systemtheorie Luhmanns doch durch eine Fülle von inneren Differenzierungen und Grenzziehungen geprägt, unter denen der Nationalstaat nur noch als eine "nachrangige, segmentäre Differenzierung des politischen Systems" zu gelten habe. Ziel der Arbeit ist es folglich, am Beispiel von konkreten Migrationsbiographien "die falsch gestellte oder von Interessen geleitete Entscheidungsfrage, ob nun von Transnationalität oder von Assimilation zu sprechen sei, [...] hinter sich zu lassen" (S. 339).
Diese Zielsetzung kommt im Prinzip einer Neugründung der sozialwissenschaftlichen Migrationsforschung gleich. Dementsprechend nimmt der "theoretische Teil" - einschließlich der Anmerkungen zur Methodik - nahezu die Hälfte des umfangreichen Textes ein. Diese theoretischen Ausführungen, geprägt durch die Rezeption eines wahrlich imposanten Spektrums an Publikationen (das Literaturverzeichnis umfasst etwa 600 Titel!), bewegen sich durchgehend auf einem sprachlich und inhaltlich eindrucksvollen Niveau. Auch wenn sich die Lektüre phasenweise recht mühevoll gestaltet, so bereitet sie dem, der sich für diese Mühe genügend Zeit nimmt, immer wieder ein intellektuelles Vergnügen, das von interessanten Einsichten und überraschenden Denkanstößen bestimmt wird. Nicht selten allerdings unterliegt der Autor einer Gefahr, auf die er mit dem Verweis auf L. Sternes Roman "Tristram Shandy" (S. 175) selbst anspielt: Es ist dies die Neigung zu unnötigen, in erster Linie doch nur die Belesenheit demonstrierenden Abschweifungen und argumentativen Umwegen. Ingesamt aber stellt sich dem Renzensenten bei der Lektüre des anspruchsvollen Textes immer wieder die Frage: Ist es dem Autor wirklich gelungen, seine theoretische Neugründung der Migrationsforschung mit Hilfe einer Theorie, bei der die "Kommunikation" bekanntlich eine zentrale Rolle spielt, so klar darzustellen, dass seine Botschaft selbst "kommunikationsfähig" bleibt, d.h. dass sie von einer ausreichenden Zahl von Mitgliedern der scientific community auch wirklich verstanden und rezipiert werden kann?
Mit Hilfe der Systemtheorie unternimmt der Autor eine "Reformulierung" von zentralen Begriffen der Migrationsforschung: So wird aus Assimilation "Anähnlichung" bzw. "komplementäre Kommunikation", Integration wird als "Reduktion von Freiheitsgraden" verstanden und auf das "Begriffspaar Inklusion/Exklusion" umgestellt, und der Nationalstaat gilt fortan als "segmentäre Differenzierung des Funktionssystems Politik, aber nicht als Synonym für Gesellschaft" (S. 341). Bemerkenswert und eigentlich inkonsequent ist allerdings, dass die Termini "Transnationalität" bzw. "transnational" keine Neuformulierung erfahren, sie finden weiterhin als "Suchbegriff(e)" (S. 340) im Rahmen des systemtheoretischen Ansatzes Verwendung. Entsprechend wird in der Arbeit verbreitet und ohne Anführungszeichen von "transnationalen Phänomenen" oder "transnationalen Karrieren" gesprochen.
Neue theoretische Ansätze müssen sich - sofern sie nicht intellektuelle Glasperlenspiele bleiben wollen - empirisch zumindest "bewähren". Dieser Aufgabe dienen die Analysen der post-jugoslawischen Migrationsbiographien im zweiten Hauptteil der Arbeit. Ziel dieser Analysen ist es, auf der Basis des ausführlich entwickelten systemtheoretischen Instrumentariums neue Erkenntnisse zum breiten Spektrum und zur Komplexität transnationaler Lebensentwürfe und Lebensführungen zu gewinnen. Grundlage sind 23 umfangreiche qualitative Interviews mit Migranten der ersten und zweiten Generation, unter ihnen sowohl Personen, die (1.) dauerhaft in Deutschland leben, die (2.) als Remigranten gelten können, und (3.) solchen, die "zwischen den Welten" zu Hause sind. Die Mehrzahl der Interviewten stammt aus Kroatien bzw. hat die kroatische Staatsbürgerschaft, die Übrigen kommen aus Bosnien und Serbien. Die Frage nach der Repräsentativität der Befragten zu stellen, verbietet sich angesichts des gewählten Untersuchungsdesigns. Es wurden ja ganz gezielt Personen mit "transnationalen Biographien" ausgewählt, so dass - wie bei den meisten Arbeiten zum Thema Transnationalität - keine Aussagen darüber möglich sind, wie weit dieses Phänomen bei verschiedenen Migrantengruppen überhaupt verbreitet ist. Auch enthält sich die Arbeit einer Diskussion darüber, ab bzw. bis wann von einer "transnationalen Existenz" gesprochen werden kann oder soll, eine Frage, die m.E. einer Klärung bedarf.
Die von großer Sensibilität und hermeneutischem Geschick geprägte und nach sieben Themenbereichen gegliederte Interpretation der Interviews liefert mit ihrer "dichten Beschreibung" zahlreiche und das bisherige Wissen erweiternde Einsichten in die Ausprägungen und Bedingungen transnationaler Biographien. Von besonderem Interesse und weitere Forschungen anregend sind u.a. die Aspekte transnationaler Bildungs- und Berufskarrieren, die Rolle kirchlicher Organisationen wie der kroatischen Mission, die Aspekte des Immobilienbesitzes sowie im besonderen Falle Jugoslawiens der von Kriegen begleitete Zerfall und die Neubildung von Staaten und nationalen Identitäten. Dabei zeigt sich, dass auch in der Gegenwart die Idee des Nationalstaates offenbar wirkungsmächtiger ist, als dies die Ausführungen im theoretischen Teil der Arbeit suggerieren mögen.
Nach der Lektüre des empirisch ebenso interessanten wie gehaltvollen Teils der Arbeit aber stellt sich die Frage, ob es für diese empirisch gesättigten Aussagen wirklich des aufwändigen und elaborierten Überbaus der Systemtheorie mit ihren begrifflichen "Neuarrangements" (S. 341) bedurft hätte. Was ist von den empirischen Ergebnissen und Erkenntnissen substanziell dem "neuen" systemtheoretischen Zugang geschuldet? Sind die vorhandenen Wissensbestände auf den Feldern der Migrations- und Integrationstheorie wirklich so revisionsbedürftig, wie es behauptet wird? Um nur zwei Beispiele einer - trotz der breiten Literaturrezeption - selektiven Wahrnehmung zu nennen: Bereits 1992 nahm F. Heckmann eine interessante Weiterführung der "Marginalitätstheorie" von E. Park vor, die Deutungen transnationaler Phänomene erlaubt. Diesen Autor sucht man im Literaturverzeichnis vergebens, ebenso wie R. Alba und V. Nie, die gemeinsam 2003 eine umfassende Neuformulierung der Assimilationstheorie vorlegten. Trotz dieser - möglicherweise der wissenschaftlichen Sozialisation des Rezensenten geschuldeten - kritischen Anmerkungen: ein kluges, ein gehaltvolles, ein lesenswertes Buch!

Literatur
Heckmann, F. (1992): Ethnische Minderheiten, Volk und Nation. Soziologie inter-ethnischer Beziehungen. Stuttgart.
Alba, R. and Nie, V. (2003): Remaking the American Mainstream. Assimilation and Contemporary Immigration. Cambridge (MA)/London.

Autor: Hans Dieter Laux

Quelle: Geographische Zeitschrift, 96. Jahrgang, 2008, Heft 3, S. 182-183



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