Hartmut Berghoff und Jörg Sydow (Hg.): Unternehmerische Netzwerke. Eine historische Organisationsform mit Zukunft? Stuttgart 2007. 317 S.

Ist der Band ein "Abenteuer", wie die Herausgeber einleitend schreiben? Mit diesem Thema, das den Geographen doch so bekannt erscheint? Das Abenteuer liegt in der Zusammenführung von Arbeiten aus den beiden Disziplinen Wirtschaftsgeschichte und Betriebswirtschaftslehre/Organisationstheorie, denen die Herausgeber angehören, und damit in der Spannung zwischen dem (organisationstheoretischen) Allgemeinen und dem (historischen) Besonderen. Der Wirtschaftshistoriker Berghoff (Göttingen) steht für eine langjährige Auseinandersetzung mit der Unternehmensgeschichte, der Betriebswirt und Organisationstheoretiker Sydow (Berlin) ist einer der führenden Autoren zu Unternehmensnetzwerken.

Neun Historiker und sieben Autoren der Wirtschaftswissenschaften und Industriesoziologie stellen in diesem Band Studien über Netzwerke mit ihrer jeweils spezifischen Sichtweise vor. Es ergibt sich ein Bild der Vielfalt von untersuchungswürdigen Netzwerken und Konzepten zu ihrer Analyse. Dieses Buch sollte daher für Geographen, die in der Erforschung aktueller Netzwerke ein wachsendes Aufgabenfeld der eigenen Disziplin sehen, eine spannende Lektüre sein.
Ein erster Blick auf den Inhalt zeigt eine Vielfalt von Netzwerken auf mehreren Ebenen: den Zweck eines Netzwerkes betreffend, z.B. Fernhandel, Innovationen, Frauenhandel und den illegalen Vertrieb von Alkohol in den USA der 1920er Jahre; die Reichweite von Netzwerken betreffend, z.B. regionale, intra- und inter-organisationale Netzwerke; die Art der Netzwerk betreffend, etwa personale, funktionale und kapitalmäßige Netzwerke. Der Band stellt insgesamt elf Fallstudien zu Netzwerken vor, die in sechs Kapitel gegliedert sind. Das verlangt nach einer ordnenden Idee der Herausgeber, die sie in der sehr lesenswerten Einleitung entwickeln. Im Grunde wollen sie vor einer übereilten Hochschätzung des Netzwerkes als organisationale Form der modernen Gegenwart und der Zukunft warnen. Trotz aller Erfolgsgeschichten über Netzwerke: Netzwerke sind nicht neu, Netzwerke zeigen extrem vielfältige Formen, Netzwerke sind nicht immer die optimale Form der Organisation zur Lösung eines Problems, die Ziele von Netzwerken sind nicht immer gesellschaftlich erwünscht, Netzwerk-Koordination ist nicht isoliert von anderen Koordinationsformen zu sehen, sondern oft mit diesen verknüpft. In all dieser Komplexität der Netzwerk-Perspektive wird deutlich, dass es einer weiteren Dimension bedarf, um Netzwerke in verschiedenen Zeiten, in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen und an verschiedenen Orten zu verstehen: der sorgfältigen Analyse des zeitgeschichtlichen Kontextes, in dem die zu betrachtenden Netzwerke stehen.
Mit dieser Mahnung beginnt das einleitende Kapitel der Herausgeber. Sie betrifft sowohl die Netzwerke selbst als auch die aktuelle "Netzwerkeuphorie". Die Antwort, die der Band darauf geben will, ist jedoch keine theoretisch-systematische, sondern eine empirisch-typologische, indem "ausgewählte Netzwerktypen [...], zu denen historische Forschungsergebnisse vorliegen" vorgestellt werden. Ihre Grundthese lautet, dass jedem ökonomisch relevanten Netzwerk eine personale Beziehung zugrunde liegt, also personale mit organisationalen Netzwerken verbunden sind. Sie ziehen daher den Begriff des "unternehmerischen" Netzwerkes vor, der formelle und informelle Beziehungen in und zwischen Unternehmen erfassen soll. Erst in den Fallstudien finden sich etwa Bezüge zur Neuen Institutionenökonomie, zum soziologischen Neoinstitutionalismus und zur Theorie der Strukturation.
Das erste Kapitel "Handelsnetze" behandelt das Fernhandelsnetz der Hanse im späten Mittelalter und die Organisation des Ein- und Verkaufs eines Schweizer kolonialen Handelshauses (in Baumwolle). Das Zusammenwirken von netzwerkartigen und hierarchischen Formen der Organisation, der Lebenszyklus von Netzwerken, deren zunehmende Schwäche auch zu ihrem Ende führt, und die exogenen Veränderungen, die früher nützliche Netzwerkorganisationen redundant machen, haben zusammen zur Folge, dass das Netzwerk als eine alternative, befristete und nur in bestimmten Kontexten leistungsfähige Koordinationsform verstanden werden muss. Das zweite Kapitel beschränkt sich auf eine institutionenökonomisch diskutierende Fallstudie über Personal- und Kapitalverflechtungen in deutschen Großunternehmen der Zwischenkriegszeit. Im dritten Kapitel "Innovationsnetzwerke" bettet der Industriesoziologe Hirsch-Kreinsen die seit den 1980er Jahren feststellbare Zunahme von Projekt-Netzwerken für Innovationen in den Kontext einer Perspektive über Innovationssysteme ein. Auch diese Entwicklung ist endlich, denn er weist schließlich darauf hin, dass in jüngster Zeit die alternative marktförmige Organisation von Innovationsprozessen an Bedeutung gewinnt. Ein Vergleich der Netzwerke von Werkzeugmaschinenbauern in Chemnitz und Cincinnati Anfang des 20. Jahrhunderts belegt, wie wichtig einzelne Unternehmer für den Aufbau von Netzwerken waren, und widerlegt beiläufig die These, dass flexible Spezialisierung immer mit dem Aufbau von unternehmerischen Netzwerken verbunden sei. Im Kapitel "regionale Netzwerke" beschreibt eine technikgeschichtliche Fallstudie das Autocluster von Stuttgart als das Ergebnis des Zusammenwirkens von regionalen und interregionalen Netzwerken in einem sehr offenen System. Der folgende Beitrag von Sydow/Lerch über Pfadabhängigkeiten und Gestaltbarkeit von Unternehmensnetzwerken am Beispiel der Optischen Technologien in und um Berlin erscheint dem Rezensenten als besonders anregend für Geographen, die sich neuerdings mit Fragen der regionalen Pfadabhängigkeit befassen. Denn hier wird mit der Unterscheidung von technologischer, institutioneller und organisationaler Pfadabhängigkeit ein differenziertes konzeptionelles Werkzeug für die Analyse von Selbstverstärkungsprozessen in "offenen" regionalen Clustern entwickelt, in denen kritischen Pfadgabelungen (critical junctures) eine zentrale Bedeutung zukommt. Für den Rezensenten amüsant zu lesen: Betriebswirte suchen hier Anstöße für die wirtschaftsgeschichtliche Forschung zu geben und beziehen sich dabei auf die Debatte in der Wirtschaftsgeographie - wo doch eigentlich die Wirtschaftsgeographen aus solchen Fallstudien lernen sollten. Das folgende Kapitel "intra- und interorganisationale Netzwerke" verbindet eine Erzählung über die Einführung der Innovation "Taktverkehr" bei den Schweizerischen Bundesbahnen mit einem Bericht über eine Umfrage über die Nutzung formaler Netzwerke unter Unternehmen in Deutschland. Während der erste Beitrag die Geschichte eines klandestinen, personellen Netzwerks innerhalb der Organisation darlegt - sinnigerweise der "Spinnerclub" genannt -, das schließlich erfolgreich offiziell in die Erneuerungs-Strategie der SBB eingeordnet wird, sieht der zweite Beitrag Netzwerke als ein Management-Tool, dessen Einsatz in verschiedenen Aufgabenfeldern des Unternehmens empirisch geprüft wird. Das letzte Kapitel "dunkle Netzwerke" befasst sich mit zwei kriminellen, auf Personen aufbauenden Netzwerken; zum einen Netzwerke im - offensichtlich in der ersten Globalisierung neu auftretenden - Frauenhandel in der Habsburgischen Monarchie um die Wende zum 20. Jahrhundert und zum anderen Netzwerke im illegalen Biervertrieb in den USA der 1920er Jahre. Die hier analysierten familiären oder "feudalen" Strukturen solcher Netzwerke scheinen keineswegs an die Zeit und das Tätigkeitsfeld dieser Fallstudien allein gebunden, sondern grundlegende Strukturen solcher "dunklen" Netzwerke aufzuzeigen.
Der Zeithistoriker Welskopp sagt zu Eingang seines Beitrags: "Die Organisierte Kriminalität verkörpert das Prinzip der Netzwerke par excellence" (kursiv im Original). Das kann man als weitere Warnung vor einer Überschätzung des Netzwerkes als sozialer Organisationsform im Wirtschaftsleben verstehen. Die Stärke dieses Bandes liegt in der Vielfalt der gegebenen Fallstudien und in der anregenden Erzählweise mancher Beiträge: Geschichte kann so unterhaltsam sein! Netzwerke erweisen sich durchweg als eine vergängliche Form der sozialen Steuerung gemeinsamer Aktivitäten, doch zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten sind sie äußerst erfolgreich. So bietet der Band dem an regionalen und "globalen" Netzwerken interessierten Geographen vieles, aber nur in der Einleitung und wenigen anderen Beiträgen erhält er konzeptionelle Vorschläge für eine kontext-bezogene Netzwerkanalyse. Hier hätte sich der Rezensent vielleicht doch ein Schlusskapitel der Herausgeber gewünscht, das die Fallstudien in die eingangs nur kurz angeschnittenen paradigmatischen Grundpositionen eingebettet hätte. Dennoch: Hier wird dem wirtschaftsgeographischen Leser eindrücklich vorgeführt, wie ertragreich die gemeinsame Debatte mit Wirtschaftshistorikern und Ökonomen sein kann.
Autor: Eike W. Schamp

Quelle: Geographische Zeitschrift, 96. Jahrgang, 2008, Heft 3, S. 180-181

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