Felicitas Hillmann: Migration als räumliche Definitionsmacht? Beiträge zu einer neuen Geographie der Migration in Europa. Stuttgart 2007 (Erdkundliches Wissen 141). 321 S.

Das Einfordern und Verkünden von "neuen Geographien" aller Art hat nicht nur in der deutschsprachigen Geographie seit einiger Zeit Konjunktur. Die von Felicitas Hillmann vorgelegte Arbeit reiht sich hier ein. Sie präsentiert mit dem Konzept von "Migration als räumliche Definitionsmacht" einen Theorieansatz, von dem die Autorin annimmt, dass er zu einem "besseren Verständnis von Migrationsprozessen" nach und in Europa beitragen kann. Dabei werden mit der Publikation - sie stellt die überarbeitete Fassung der Habilitationsschrift der Autorin dar - zwei konkrete Ziele verfolgt: Zum einen geht es darum, die sozialwissenschaftlichen Beiträge der Autorin zur Migrationsforschung "stärker in die Geographie zu transportieren und so für das Fach fruchtbar zu machen", und zum anderen "um den Versuch, eine übergeordnete Fragestellung zu den aktuell sich vollziehenden Migrationsprozessen aus geographischer Perspektive zu entwickeln [...] und auf diesem Wege einen Beitrag zur allgemeinen Migrationsforschung und insbesondere zur sozialgeographischen Diskussion zu leisten" (S. 13). Dies ist zweifellos ein respektables und ambitioniertes Unterfangen.

Die Arbeit basiert im Wesentlichen auf sieben Aufsätzen und Studien, die von der Autorin zwischen 1997 und 2003 in Zeitschriften, Sammelbänden und als Monographien publiziert wurden und vor allem während ihrer Tätigkeit am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) entstanden sind. Diese sieben Arbeiten wurden zum Zweck der vorliegenden Publikation jeweils ergänzt, d.h. aktualisiert und kommentiert, sowie mit einem einleitenden theoretisch-konzeptionellen Kapitel von 25 Seiten und einer Zusammenfassung von 15 Seiten versehen. Die Einzelstudien wurden ihrerseits zu vier in getrennten Kapiteln abgehandelten Themenkomplexen arrangiert. Es sind dies im Einzelnen die "Migration von Hochqualifizierten", die "Migration als Element der Hierarchisierung des europäischen Migrationsraumes", das Thema "Migration und Gender" sowie der Aspekt der "Migration als Agens lokaler sozialräumlicher Strukturen". Es handelt sich hierbei ohne Zweifel um zentrale Themenbereiche der Migrations- und Minderheitenforschung, zu denen die Arbeiten zahlreiche interessante Befunde und Deutungen liefern. Dennoch erscheint die Gliederung bzw. Kapitelbildung im Detail als theoretisch wenig begründet und inhaltlich nicht stringent, ein Befund, der wohl auf die Heterogenität der Arbeiten hinsichtlich Inhalt und Methodik zurückzuführen ist. So überrascht z.?B., dass dem Aspekt der "ethnischen Ökonomie" kein eigenes Kapitel gewidmet wird - die entsprechenden Artikel werden auf zwei Abschnitte verteilt -, während die US-amerikanische Debatte zum Problem ethnisch strukturierter Arbeitsmärkte unter der Überschrift "Migration als Agens lokaler räumlicher Strukturen" erscheint.
Mustert man die sieben Einzelstudien genauer, so stellt man fest, dass bei ihnen der Anteil primärer, d.h. mikroanalytischer "Feldforschung" überraschend gering ausfällt. Die Mehrzahl der Studien basiert auf der Auswertung bzw. dem Referat der einschlägigen deutschen und internationalen Literatur sowie der deskriptiven Analyse statistischer Daten, was wohl nicht zuletzt auf die Arbeitsbedingungen am Wissenschaftszentrum Berlin zurückzuführen ist. So ist das Kapitel 4.1 "Migrantinnen auf dem formellen und informellen Arbeitsmarkt in Deutschland" eine Auftragsarbeit für den 6. Familienbericht der Bundesregierung. Dies ist grundsätzlich nicht negativ zu bewerten, führt doch der makroanalytische Ansatz z.?B. im Kapitel 3 zu interessanten Einsichten in die Differenzierung des "europäischen Migrationsraumes". Dennoch: Angesichts der ambitionierten Zielsetzung der Habilitationsschrift bleiben sowohl der theoretische Gehalt wie auch die empirische Sättigung der Einzelstudien häufig eher blass. Dieser Eindruck wird durch die jeweiligen "Aktualisierungen", die sich vor allem um den Anschluss an die aktuelle theoretische Diskussion - so etwa an die Transnationalismus-Debatte (Kap. 3.3) - bemühen, nicht grundlegend revidiert. So sind an mancher Stelle die begrifflichen Unschärfen nicht zu übersehen (vor allem S. 75?ff.). Dies gilt generell für den recht unspezifischen Umgang mit dem Terminus "Migration", der gleichsam als Sammelbegriff sowohl für Migrationsprozesse im eigentlichen Sinne als auch für die Migranten selbst und deren Nachkommen in den Zielländern der Migration erscheint. Überhaupt wird den Migrationsverläufen im eigentlichen Sinne nur eine untergeordnete Aufmerksamkeit gewidmet. Im Zentrum - und die ist ja durchaus zu rechtfertigen - stehen die Lebensbedingungen der Migranten in den Aufnahmeländern. Dabei wird allerdings nicht analytisch präzise genug zwischen "Migranten" und "ethnischen Minderheiten" unterschieden, so etwa bei der Diskussion ethnisch-strukturierter Arbeitsmärkte in den USA (Kap. 5.1).
Mit dem aus der "feministisch orientierten Stadt- und Regionalforschung" (S. 21) übernommenen Begriff der "räumlichen Definitionsmacht" bietet die Autorin ein theoretisches Leitkonzept an, mit dem sie der geographischen Migrationsforschung neue und entscheidende Impulse verleihen möchte:
"Um dieses mit der Migration einhergehende Veränderungs- und Gestaltungspotential, das auf den ganz heterogenen gesellschaftlichen und räumlichen Ebenen beheimatet ist, auf einer abstrakten, übergreifenden Ebene fassen zu können, wird dieses Potential ... als räumliche Definitionsmacht bezeichnet" (S. 20).
Wenn ein solch neues und zentrales Konzept in die wissenschaftliche Diskussion eingeführt werden soll, so erwartet man doch sicherlich eine ausführliche Ableitung und Explikation des entsprechenden Begriffs und seiner theoretischen Implikationen. Leider geschieht dies in der vorliegenden Arbeit nur sehr rudimentär und relativ vage auf knapp vier Seiten. Dabei wird m.E. weder eine klare Bestimmung dessen gegeben, was unter "Macht" verstanden werden soll, noch wird die zentrale Frage ausreichend geklärt, wer diese "räumliche Definitionsmacht" jeweils ausübt und in welcher Weise dies geschieht. Dass der "Migration" eine solche Macht zukommt, kann doch allenfalls nur eine vage metaphorische Umschreibung sein. Dass diese "Macht" letzthin nur von Individuen oder Institutionen ausgeübt werden kann, wird zwar auf S. 22 angesprochen, aber dort und im weiteren Verlauf der Arbeit nicht genügend thematisiert.
Die analytischen Schwächen des Leitkonzepts der "Migration als räumliche Definitionsmacht" ziehen sich leider durch den gesamten Text (so insbesondere durch Kap. 5, wenn von Migration als "Agens lokaler sozialräumlicher Strukturen" gesprochen wird) bis zur Zusammenfassung, in der gleichsam als theoretische Quintessenz die verschiedenen "Dimensionen räumlicher Definitionsmacht und deren Wirkungsweise" (Abb. 12, S. 288) präsentiert werden. Dabei erscheinen in dieser Reihenfolge und damit reichlich unsystematisch die Kategorien "Individuum", "Nation", "Gruppe/Community/Netzwerke" und "Lokal". Eine Diskussion der Untersuchungsergebnisse, die zu einer wirklich überzeugenden Etablierung der "räumlichen Definitionsmacht" als ein theoretisch tragfähiges Leitkonzept für eine "neue Geographie der Migration in Europa" hätte führen können, wird leider nur in Ansätzen geleistet. Was die Arbeit, der man angesichts der zahlreichen formalen und sprachlichen Flüchtigkeiten überdies ein sorgfältigeres Lektorat gewünscht hätte, stattdessen liefert, ist zweifellos eine Fülle von interessanten, lesenswerten und den Wissensbestand der Migrations- und Minderheitenforschung durchaus erweiternden Erkenntnissen. Auch dies ist ja nicht wenig.
Autor: Hans Dieter Laux

Quelle: Geographische Zeitschrift, 96. Jahrgang, 2008, Heft 3, S. 184-185

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