Angelika Halama: Rittergüter in Mecklenburg-Schwerin. Kulturgeographischer Wandel vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart.  Stuttgart 2006 (Mitteilungen der Geographischen Gesellschaft in Hamburg 98). 375 S.

Guts- und Schlossanlagen haben über Jahrhunderte weite Regionen Nordostdeutschlands geprägt und waren deren wirtschaftlicher, oftmals aber auch kultureller und (regional-)politischer Mittelpunkt. Mit dem Ende der Monarchie in Deutschland, dem Aufbau der DDR nach dem Zweiten Weltkrieg und schließlich der Deutschen Wiedervereinigung änderten sich die Rahmenbedingungen für diese Anlagen innerhalb eines Jahrhunderts mehrfach dramatisch.

In ihrem Buch - welches auf einer Dissertation basiert - spürt ANGELIKA HALAMA der Geschichte der Rittergüter Mecklenburg-Vorpommerns nach. Dabei behandelt die Publikation, anders als der Titel vielleicht vermuten lässt, nicht alle Rittergüter Mecklenburg-Schwerins, sondern nur diejenigen innerhalb eines nur vage begründeten Untersuchungsgebietes im Osten des ehemaligen Herzogtums. Der Kernbereich der Forschungen liegt zwischen den Städten Tessin und Gnoien.
Entgegen der Formulierung des Titels beginnt die Arbeit auch keineswegs erst mit dem 19. Jahrhundert, sondern behandelt durchaus umfassend wichtige Epochen seit der christlichen Besiedelung im 13. Jahrhundert. Hiermit legt die Autorin einen Grundstein zum Verständnis der Region und ihrer Geschichte. So fällt es dem Leser im Hauptteil leicht, sich in das eigentliche Thema zu vertiefen.
Mit unendlicher Akribie hat sich ANGELIKA HALAMA durch Archive gearbeitet, mit lokalen Experten gesprochen, den Untersuchungsraum vielfach bereist und dabei viele spannende Informationen und Zusammenhänge zu unterschiedlichen Aspekten der Gutsbetriebe zu Tage gefördert. Der Begriff "Rittergüter" mag zunächst einmal edel und vornehm klingen, es wird jedoch von HALAMA deutlich aufgezeigt, was sich an Alltäglichem in diesem Mikrokosmos der ländlichen Wirtschaft verbirgt und wer darin die Protagonisten waren. So umfassen ihre Schilderungen - um nur einen kleinen Ausschnitt des Inhaltsverzeichnisses wiederzugeben - z.B. die Gestalt des Gutshofes, Feldbahnen, Dorfstrukturen, Glashütten, Holländereien, Kalköfen, Teeröfen, Leibeigenschaft, Bauernlegen sowie die Agrarkrise. Eine der Stärken des Buches liegt in einer sehr differenzierten Auseinandersetzung mit der Bodenreform des Jahres 1945 und ihrer Folgezeit. ANGELIKA HALAMA macht sich die Mühe, die Unklarheiten um Befehle und Zuständigkeiten in der damaligen Zeit zu entwirren und zu interpretieren, während andere Autoren oftmals nur lapidar auf die bekanntesten und berüchtigtsten Sachverhalte wie den legendären SMAD-Befehl Nr. 209 verweisen.
ANGELIKA HALAMA rekurriert dabei durchgehend auf Archivalien. Hierin erweist sie sich wahrlich als Historische Geographin. Für eine geographische Arbeit finden  sich dagegen erstaunlich wenige Karten und Abbildungen. So werden die Erwartungen eines Lesers, der sich in der Region nicht auskennt, wohl nur schwerlich erfüllt, falls er sich nicht die Mühe macht, die Aussagen des Buches Schritt für Schritt mit Hilfe einer guten Karte im Raum selbst nachzuvollziehen. Weiterhin ist zu bemängeln, dass die Klarheit im Aufbau des Buches gelegentlich in der Flut an Informationen verloren geht. So werden teilweise im Vorgriff Begriffe benutzt, die erst später eingeführt und erklärt werden (z.B. Bauernlegen), darüber hinaus finden sich stilistisch unschöne Wiederholungen. Das Buch beschließt ein umfangreicher Anhang mit Verzeichnissen und Quellenangaben. Leider fehlt aber ein Ortsregister, welches das Buch zu einem Nachschlagewerk gemacht hätte. Da das Buch chronologisch und nach Rubriken geordnet ist, hat der Leser nun kaum die Möglichkeit, zielsicher Informationen zu einem bestimmten Ort zu finden. Die Quellenangaben im Bereich der neuen Medien haben teilweise leider ob Ihrer Unschärfe kaum Informationsgehalt und genügen nicht wissenschaftlichen Geplogenheiten (z.B. www.dradio.de oder www. nordzucker.de).
Insgesamt handelt es sich um ein aufgrund seiner Vielschichtigkeit anregendes Werk. Besonders geeignet ist es für Leser, die schon ein Grundverständnis für den untersuchten Raum mitbringen und Zeit und Muße haben, das Buch durchzuarbeiten und sich eingehend mit der Materie beschäftigen.
Autor: Michael Holzrichter

Quelle: Erdkunde, 62. Jahrgang, 2008, Heft 4, S. 359-360