Klaus Selle (Hg.): Praxis der Stadt- und Regionalentwicklung. Analysen. Erfahrungen. Folgerungen. Dortmund 2006 (Planung neu denken 2). 603 S.

Die hier zu besprechende Veröffentlichung ist Teil eines mehrbändigen ambitionierten Publikationsprojekts, mit dem KLAUS SELLE, Professor für Planungstheorie und Stadtentwicklung an der RWTH Aachen, unter dem Schlagwort "Planung neu denken" zu einer kritischen Revision und inhaltlichen Neuorientierung von Theorie und Praxis der Stadt-, Landschafts- und Regionalplanung aufrufen und beitragen möchte. Während SELLE in dem Band "Planen, Steuern, Entwickeln" (2006) eine umfassende eigene Positionsbestimmung zu den Rahmenbedingungen und Handlungsmöglichkeiten der Stadt- und Raumentwicklung vorgelegt hat (vgl. Rezension durch C.-C. WIEGANDT, Erdkunde 61/1, 2007), widmen sich zwei aufeinander bezogene, voluminöse Aufsatzsammlungen der Theorie und Praxis der räumlichen Planung, von denen die erstere bereits von L. BASTEN in dieser Zeitschrift (Erdkunde 61/1, 2007) besprochen wurde.
Im Mittelpunkt des vom Herausgeber als "Suchprozess" (S. 12) beschriebenen Projekts "Planung neu denken" steht die Frage, wie unter den grundlegend gewandelten gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen zu Beginn des 21. Jhs. "öffentliche Akteure [noch] zur räumlichen Entwicklung beitragen können" (S. 14). Folgt man der Diagnose von SELLE, so hat sich in den vergangenen Jahrzehnten eine zunehmende Diskrepanz, ja Entfremdung zwischen den planungstheoretischen Diskursen auf der einen Seite und der höchst fragmentierten und diffusen planerischen Praxis auf der anderen Seite entwickelt. Diese Spaltung zu überwinden, Theorie und Praxis der räumlichen Planung wieder zusammenzuführen, ja zu versöhnen, diesem Ziel ist die vorliegende Aufsatzsammlung gewidmet, die neben der scientific community und den in der Praxis Tätigen vor allem auch die Studierenden und damit die künftigen Planerinnen und Planer als Adressaten benennt. Dabei plädiert der Herausgeber im Anschluss an GERD ALBERS ganz entschieden dafür, "verstärkt die Erfahrungen der Praxis zu berücksichtigen und sich in der wissenschaftlichen Arbeit den Mühen umfassender und systematischer empirischer Arbeit zu unterziehen" (S. 29). Neben der "notwendigen Kenntnis dessen, was tatsächlich geschieht" bedeutet dies nach SELLE zugleich die angemessene Sicherung und Wertschätzung der Kontinuität des Wissens, der tradierten Konzepte und der Erfahrungen gegenüber den kurzfristigen Moden und diffusen Begrifflichkeiten.
Die insgesamt 36 Berichte und Analysen aus der "Arbeit vor Ort" bedürfen selbstredend einer inhaltlichen Ordnung. Als solche wird die Unterscheidung von Handlungsebenen und Handlungsfeldern gewählt: Erstere werden wiederum differenziert nach den räumlichen Kategorien Region, Stadt und Quartier, während die Handlungsfelder quer zu den Handlungsebenen liegen und u.a. Themen wie Nachhaltigkeit, Revitalisierung von Brachen, Immobilien- und Wohnungsbaupolitik, Soziale Stadt oder Nutzungsmischung im Städtebau, aber auch die Rolle von Steuerungsinstrumenten und Planungsprozessen im Spannungsfeld von Politik, wirtschaftlichem Interesse und bürgerschaftlichem Engagement umfassen. Es ist an dieser Stelle nicht möglich, im Detail auf die Aufsätze der Autorinnen und Autoren aus sehr unterschiedlichen fachlichen Disziplinen und Aufgabenfeldern einzugehen. Die Texte sind - wie bei einem Sammelband nicht anders zu erwarten - hinsichtlich Qualität und inhaltlicher Substanz durchaus unterschiedlich. Manche, wie etwa die Arbeit von H. H. BLOTEVOGEL u. R. DANIELZYK zur Frage der "Ungleichgewichtigkeit der Lebensverhältnisse" als Herausforderung für die Raumordnungspolitik oder die Ausführungen von M. FUHRICH zum Konzept der "Nachhaltigkeit" haben trotz der Intention des Sammelbandes eine eher theoretische Ausrichtung; andere widmen sich demgegenüber sehr "praxisnah" dem Planungsgeschehen und den Politikvollzügen in einzelnen Kommunen.
Die Einzelbeiträge werden durch zwei stärker programmatische Ausführungen des Herausgebers eingerahmt: Der einleitende Text "Zurück ins Spielfeld. Neues Denken setzt Kenntnis und Kontinuität voraus" begründet die Notwendigkeit des "neuen Denkens", das sich aus der Zusammenführung von theoretischem Diskurs und praktischer Erfahrung entwickeln soll. Wie dies geschehen könnte, hierzu liefert der Aufsatz von J. JESSEN u. W. REUTER ("Lernende Praxis. Erfahrung als Ressource - planungstheoretische Konsequenzen") die notwendige theoretische Unterfütterung. Demgegenüber versucht das anregende Schlusskapitel mit der Formulierung von zehn Vorschlägen für die "Wiederaufnahme der Diskussion über die Entwicklung von Städten und Regionen und den möglichen Beitrag öffentlicher Akteure" (S. 557) den geforderten "Neustart" des planungstheoretischen Diskurses entscheidend anzustoßen. Ob die von KLAUS SELLE ausgebreiteten Handlungsvorschläge wirklich aus den Studien des Sammelbandes konsistent abgeleitet bzw. durch diese belegt werden können - entsprechende Rückverweise werden nicht gegeben -, mag durchaus bezweifelt werden. Hier gilt doch offenbar nach wie vor die Aussage der Einleitung: "Wir wissen nicht verlässlich zu sagen, was Einzelfall, Merkmal eines spezifischen Praxisausschnittes oder übergreifende Entwicklungstendenz ist" (S. 35).
Trotz dieser Einschränkungen: Der höchst sorgfältig edierte Sammelband liefert dank der Fülle der Themen, der durchgängig hohen Fachkompetenz der Autorinnen und Autoren sowie vor allem auch dank der klugen und nachdenkenswerten Ausführungen des Herausgebers einen notwendigen, lesenswerten und zur Diskussion anregenden Beitrag zum Problem der Stadt- und Regionalplanung zu Beginn des 21. Jahrhunderts.
Autor: Hans Dieter Laux

Quelle: Erdkunde, 62. Jahrgang, 2008, Heft 4, S. 363-364

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