Stuart Aitken und Gill Valentine (Hg.): Approaches to Human Geography. London 2006. 349 S.

Das vorliegende Buch ist Teil einer Reihe, die die theoretischen Orientierungen in der Geographie in den Blick nehmen. Vorher erschienene Bände behandelten die zentralen Konzepte, die Methoden sowie die wichtigsten Denker in der heutigen Geographie. In diesem vierten Band wird das Ziel verfolgt, die unterschiedlichen Beziehungen zwischen Philosophie, Theorien und Methoden (ways of knowing) und der Ausübung geographischer Forschung (ways of doing) darzustellen, um so als Wegweiser für Studierende und andere Interessierte dienen zu können. Es ist ein ausgedehnter Wegweiser geworden, nicht einmal so sehr was die Seitenanzahl betrifft, wenngleich die auch ganz ordentlich ist, sondern vor allem hinsichtlich der Anzahl an Kapiteln, insgesamt 29. Das ist umfangreich, wenn man bedenkt, wieviele philosophische Richtungen, Methoden und Personen die Herausgeber in knapper Form Revue passieren lassen. Gerade wegen dieser Knappheit läuft der Leser am Ende des Buches Gefahr, vergessen zu haben, was anfangs behandelt wurde. Gleichzeitig ist es - auch für einen Rezensenten - fast nicht zu machen, alle Kapitel mit gleicher Aufmerksamkeit zu lesen.

Das Buch gliedert sich in drei Teile. Der erste, philosphische, umfasst zwölf Kapitel. Im zweiten finden sich neun Autobiographien von tonangebenden Sozialgeographen. Der dritte Teil befasst sich in acht Kapiteln mit der Forschungspraxis. Der zweite Teil stellt ein Novum dar: Die Autobiographien sollen verdeutlichen, inwiefern persönliche Faktoren einen Einfluss auf die Art und Weise ausgeübt haben, wie Geographen die Welt kennenlernen wollten. Oder wie es die Herausgeber ausdrücken: Dieser zweite Teil läßt sehen wie "Philosophien als Möglichkeiten, die Welt zu kennen, aus den täglichen Leben abgeleitet werden und deshalb eng mit dem Leben derjenigen verbunden sind, die sie anwenden" (169). Das ist allerdings sehr vereinfachend ausgedrückt. Denn Alltagserfahrungen, eine modische Referenz an die soziologische Forschung, werden auch mithilfe von Philosophien erlebt. Zwischen beiden gibt es keine einlinige Kausalität, sondern eine Dialektik, die sich außerdem während eines Menschenlebens wandelt. Zudem ist die Autobiographie keine besonders gute Methode, um die Beziehungen zwischen persönliche Faktoren und Lebensanschauungen zu entdecken. Ein Autobiograph ist nicht zwangsläufig ein guter Kenner seiner selbst und hat möglicherweise die Neigung, zu romantisieren und sein oder ihr Leben auf eine Identität zu reduzieren. In diesem Buch schreiben die meisten Geographen kaum über ihr alltägliches Leben, z.B. über ihren Tagesablauf oder gar über einschneidende Lebenserfahrungen, sondern gehen schnell zu den Einflüssen über, die sie geprägt haben. So erzählt David Harvey von seinen Lehrern mit Kolonialerfahrung im Dienst des Britischen Empire und Linda McDowell konstatiert trocken, sie gehöre glücklicherweise zu einer Generation britischer Frauen, die in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts kostenlose Bildung genießen konnten. Viele der Autobiographien sind im übrigen recht langweilig. Nur der Beitrag von Lawrence Knopp, der seine Homosexualität als Ausgangspunkt nimmt, fällt besonders auf. Knopp geht damit aber das Risiko ein, eine primäre Identität im Nachhinein zu konstruieren.
Auch die Beiträge der beiden anderen Teile sind von unterschiedlicher Art und Qualität. Der erste und m.E. wichtigste Teil beginnt mit der positivistischen Geographie und fährt mit drei Reaktionen auf sie fort: mit der humanistischen, feministischen und marxistischen Geographie. Zurecht stellt Kinchin fest, dass sich die Vertreter der positivistischen, räumlich und quantitativ arbeitenden Geographie oft nicht ihrer philosophischen Grundlagen bewusst sind. Leider sind seine Verweise auf den Wiener Kreis und Karl Popper nur recht summarisch. Von den Kapiteln, die sich mit den direkten Reaktionen auf die quantitative Geographie beschäftigen, sind die über die einflussreiche feministische und marxistische Richtung vorhersagbar. Am besten gefiel mir das Kapitel über die humanistische, 'demokratische' Geographie, auch, weil es ein Plädoyer für eine zielbewuste (intentional) agency enthält und damit einen Angriff auf momentan in der akademischen Geographie vorherrschende Richtungen darstellt. Nach diesen vier Kapiteln folgt eines über die behaviouristische (Verhaltens-)Geographie, die m.E. der positivistischen Geographie nahesteht und deshalb eher hätte behandelt werden müssen. Von den drei folgenden Kapiteln geben die über die Strukturationstheorie und die postmoderne Geographie gute, fundierte Übersichten. Stimulierend ist ein Beitrag des Soziologen Andrew Sayer mit dem Titel "Realism as a basis for knowing the world". Seine Auffassung, dass soziale Phänomene unabhängig von unserem Denken anwesend sind, steht quer zur heutigen Tendenz vieler Geographen (z.B. in Diskussionen über die Bedeutung von Grenzen innerhalb der EU), die Wirklichkeit als ein soziales Konstrukt zu sehen. Im Anschluss daran behandelt das Buch die Richtungen, die im gegenwärtigen Diskurs innerhalb der Sozialgeographie den Ton angeben, nämlich dem Poststrukturalismus, der Akteur-Netzwerk-Theorie und dem Postkolonialismus. Letztgenanntes Kapitel ist enttäuschend, weil es sich sehr auf Edward Saids Orientalismus bezieht. Vielseitiger sind die beiden anderen Kapitel, von denen das von Paul Harrison über den Poststrukturalismus eine ausgezeichnete Übersicht bietet. Vielleicht ist dies das beste Kapitel des ersten Teiles, auch wenn es nicht die Kritik der humanistischen Ansätze widerlegt.
Es ist die Absicht des Buches, den dritten Teil über die Forschungspraxis gut an den ersten anschließen zu lassen; leider ist dies nur zum Teil gelungen. Vielleicht ist es auch gar nicht möglich, weil die diversen theoretischen Strömungen hinsichtlich bestimmter Methoden zwar Vorzüge aufweisen, diese Methoden aber nicht an den theoretischen Hintergrund gebunden sind. So passt das Kapitel über die geographischen Informationssysteme (GIS) zwar gut zur positivistischen und zur behaviouristischen Geographie; das schliesst aber nicht aus, dass die GIS auch innerhalb der feministischen oder postkolonialen gut brauchbar sind. Deutlich wird auch, dass in der heutigen Geographie wesentlich größeres Interesse an qualitativen Methoden, an Narration, Dekonstruktion und Diskursanalyse besteht. So gesehen schließt das Kapitel über die Methoden des Poststrukturalismus gut an die Überlegungen von Harrison an.
Sozialgeographen, die sich mit sogenannten Entwicklungs- und Transitionsländern befassen, werden mit diesem Buch nicht sehr zufrieden sein. Das theoretische Kapitel über den Postkolonialismus rennt offene Türen ein und sein Forschungspendant über die Praxis der Umweltgeographie im postkolonialen Kontext ist nicht innovativ. Möglicherweise aber verlange ich zu viel von einem Buch, das sich an Studenten richtet. Ist es in dieser Hinsicht gelungen? Nur zum Teil, denn die Herausgeber hatten sich zu viel vorgenommen. Die philosophischen Richtungen hätten sie besser auf acht begrenzt, die Autobiographien waren überflüssig, der Zusammenhang zwischen Theorie und Forschungspraxis ist nicht immer deutlich. Kurzum, sowohl von Studenten als auch von Dozenten fordert das Buch viel. Die Qualität der verschiedenen Kapitel ist allerdings im Allgemeinen befriedigend. Letztendlich bietet das Buch ein gutes Bild vom konfusen Zustand der gegenwärtigen Geographie und zeigt, auf welch vielfältige Weise sie Ort und Raum behandelt.
Autor: Ton van Naerssen

Quelle: Peripherie, 28. Jahrgang, 2008, Heft 109/110, S. 245-247

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