Bernhard Schäfers unter Mitarbeit von Alexa M. Kunz.: Stadtsoziologie. Stadtentwicklung und Theorien -Grundlagen und Praxisfelder. Wiesbaden 2006. 231 S.

Die von Bernhard Schäfers vorgelegte Einführung in die Stadtsoziologie ist der zweite Teil einer "Soziologie der Architektur und der Stadt". Konzipiert als Lehrbuch für Studienanfänger und offenbar hervorgegangen aus einer Vorlesung an der Universität Karlsruhe ist der Band drei Zielen gewidmet, insofern er die "materiellen und sozialen Grundlagen der Stadt und ihrer Entwicklung, wichtige Theorien und einige Praxisfelder herausarbeiten" (S. 20) möchte. Angesichts des gegebenen Seitenumfangs muss dieses Programm allerdings zwangsläufig zu einer selektiven und häufig doch recht verkürzenden Darstellung führen, dies um so mehr, als die behandelten Themen häufig über die Stadtsoziologie hinaus reichen und vor allem historische und planerische Aspekte mit einbeziehen.

Der Band ist in zwei große Teile gegliedert. Im etwas umfangreicheren Teil A wird unter der Überschrift "Stadtentwicklung und Theorien" eine Darstellung der Entwicklung des Städtewesens seit seinen Ursprüngen im Orient, mit dem Schwerpunkt allerdings auf der "industriellen Verstädterung" und der Stadtentwicklung seit den 1960er Jahren, gegeben. Zwar wird die Stadtentwicklung immer wieder in den Kontext der kulturellen und sozialhistorischen Rahmenbedingungen sowie in jüngerer Zeit auch der stadtsoziologischen Deutungsansätze wie z.B. der Chicagoer Schule der Sozialökologie gestellt, eine vertiefende Präsentation und inhaltliche Diskussion stadtsoziologischer Theorien erfolgt jedoch nicht. Die soziologische Theorie im eigentlichen Sinne bleibt auf kaum kommentierte und damit vom übrigen Text recht isoliert wirkende Auszüge aus den Schriften bedeutender Soziologen wie z.B. F. TÖNNIES, G. SIMMEL, W. SOMBART, M. WEBER, H. P. BAHRDT, M. CASTELLS oder P. SAUNDERS beschränkt, die im "Anhang" zu den Teilkapiteln II und III aufgeführt werden. Etwas enttäuschend – weil sehr knapp und begrifflich nicht immer präzise genug - erscheinen dem Rezensenten die Ausführungen zur Stellung und Entwicklung des suburbanen Raumes (S. 98ff.) einschließlich des Phänomens der "sozialen Segregation" (S. 101) sowie zur "Stadt im Weltverstädterungsprozess" (S. 102ff.). So wird, um ein Beispiel zu nennen, das Phänomen der Global Cities zwar durchaus zutreffend erläutert, die beigegebene Abb. 19 (S. 107) zeigt allerdings - in nur schwer lesbarer Form - die "Megastädte", auf die im Text kein Bezug genommen wird und die einer ganz anderen Definition folgen als die Global Cities.
Teil B, der den "Grundlagen und Praxisfeldern" der Stadtentwicklung gewidmet ist, folgt mit seinem thematischen Zugang einem gänzlich anderen Gliederungsprinzip. In vier Teilkapiteln werden nun in allgemeiner Form zentrale Themenfelder der Stadtsoziologie abgehandelt. Die Ausführungen überschneiden sich z.T. mit den Darstellungen im ersten Teil bzw. ergänzen diese, ohne dass allerdings ausreichende Querverweise hergestellt würden. Auch in diesem zweiten Teil ist die Darstellung alles andere als systematisch und inhaltlich erschöpfend zu nennen; vielmehr werden deutliche thematische Schwerpunkte gesetzt, ein legitimes Unterfangen, dass jedoch fast zwangsläufig zur Aufdeckung von Lücken führt. Unter der Überschrift "Stadt und Raum. Stadt und Land. Stadt und Kultur" werden in Kapitel IV u.a. Aspekte der neuen "Raumsoziologie", der Segregation, der Wandlungen des Stadt-Land-Verhältnisses sowie der Beziehung von Stadt und Kultur diskutiert, während sich Kapitel V dem Thema "öffentlicher Raum" und dem Konzept der "Urbanität" widmet. Hierunter subsumiert werden u.a. Phänomene wie die "Pluralisierung der Lebensstile“ oder der Prozess der Gentrifizierung. Als thematisch weit gespannt, doch in der Ausführung mit knapp 14 Seiten entschieden zu knapp, präsentiert sich Kapitel VI mit dem Themenfeld "Integration in die Stadtgesellschaft". Vor allem Aspekte wie die Städte als Zentren der Einwanderung und die damit verbundenen Probleme der Integration und Segregation von Minderheiten sowie die Prozesse und Probleme der sozialen Polarisierung des Stadtraumes oder auch die Verläufe und Folgen innerstädtischer Wanderungen werden nur sehr kursorisch behandelt. Der Inhalt des Kapitels VII widmet sich der "Stadt und Gemeinde im demokratischen Staatsaufbau" sowie der Rolle der Stadtplanung und der Geschichte der "städtebaulichen Leitbilder". Vor allem dieses Kapitel versucht - u.a. auch mit seinen äußerst knappen abschließenden Bemerkungen zu den "Problemfeldern der gegenwärtigen Stadt und Stadtplanung" - das Ziel der Herausarbeitung von Praxisfeldern einzulösen. Etwas überraschend, weil kaum in das Konzept des Bandes integriert, aber für sich genommen durchaus informativ, folgen schließlich als Anhang die von ALEXA M. KUNZ zusammengestellten "Materialien zum aktuellen Stadtsystem in Deutschland und Europa". Der Band ist reichhaltig mit Literatur bestückt, das Sachregister ist nützlich, bedarf aber der Ergänzung (z.B. Lebensstile, Global Cities, Akkulturation, Assimilation), die Abbildungen präsentieren sich z.T. an der Grenze der Lesbarkeit.
Auch wenn die von BERNHARD SCHÄFERS vorgelegte Einführung in die Stadtsoziologie eine in dieser Kompaktheit nur selten gebotene Zusammenstellung sehr unterschiedlicher Aspekte zur Geschichte und Soziologie der Stadt mit einer Vielzahl von interessanten Einsichten liefert, die das Buch auch für Studierende der Geographie zu einer nützlichen ergänzenden Lektüre macht, so vermittelt die Arbeit insgesamt doch eher den Charakter eines ausgearbeiteten Vorlesungsskriptes denn einer systematischen und halbwegs umfassenden Darstellung der aktuellen stadtsoziologischen Problemfelder und Theorien.
Autor: Hans-Dieter Laux

Quelle: Erdkunde, 62. Jahrgang, 2008, Heft 4, S. 369-370

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