Ulrich Schneckener: Transnationaler Terrorismus. Charakter und Hintergründe des "neuen" Terrorismus. Frankfurt a.M. 2006. 277 S.

Wenn aus dem Bereich der Stiftung Wissenschaft und Politik eine deutliche Kritik am "globalen Krieg gegen Terrorismus" der Bush-Administration kommt, so ist das bemerkenswert und aus Sicht vieler Kritikerinnen und Kritiker dieses Krieges sicher auch erfreulich. Ulrich Schneckener kommt in seiner Bewertung der aktuell dominierenden Strategie zur Bekämpfung des "transnationalen Terrorismus" zu einem im Grunde vernichtenden Ergebnis, wenn auch die Kritikpunkte nicht unbedingt neu sind. Sie reichen von der weitgehenden Unangemessenheit militärischer statt polizeilicher Mittel über die Folgen der argumentativen Verkoppelung zwischen Terrorismus und "Schurkenstaaten", das fragwürdige Konzept der "unlawful combattants" sowie Unilateralismus und Präemption bis hin zum zentralen Punkt der Missachtung internationaler Regeln. All dies bilde "eine in sich konsistente Doktrin" (242), die jedoch nicht zieladäquat sei. Eine aussichtsreiche Bekämpfung von Terrorismus müsse vielmehr auch Überzeugungsarbeit, Sozialisierungsprozesse und selbst Verhandlungen einschließen.
Man könnte erwarten, dass derartige Schlussfolgerungen am Ende einer differenzierten Analyse der Prozesse stehen, die zur Herausbildung transnational, d.h. über die Grenzen von Staaten und Kontinenten hinweg im Rahmen von Großregionen und selbst global agierenden Terrorgruppen geführt haben. Die große Enttäuschung dieses Buches besteht darin, dass genau dies versäumt wird.
Schneckener unterstreicht die Bedeutung der Transnationalität an den von ihm behandelten Erscheinungen und betont vor allem die grenzübergreifende Rekrutierung, Finanzierung, Infrastruktur und Aktion der prototypisch durch Al-Qaida repräsentierten Gruppen und Netzwerke. All dies wird äußerst detailliert, wenn auch auf hohem Allgemeinheitsniveau nachgezeichnet, so dass sich so etwas wie ein Typus des gegenwärtigen transnationalen Terrorismus ergibt, der weitgehend an Al-Qaida orientiert ist. Der Autor bemüht sich auch, sie typologisch von anderen nichtstaatlichen Gewaltakteuren wie Rebellen und Guerillakämpfer, Kriegsherren, Milizen, Söldnern oder Kriminellen abzusetzen. Für all dies hat der Autor ein beeindruckendes Material angehäuft, das allerdings vor Gericht häufig in den Bereich des Hörensagens verwiesen werden dürfte. Selbstverständlich kommt dabei eine grundlegende Schwierigkeit bei der Behandlung der Thematik zum Ausdruck - der Forscher muss gleichsam zwischen verschiedenen Arkanbereichen lavieren und oft mit weniger als absolut stichhaltigen Beweisen vorlieb nehmen. Die Entscheidung, abgesehen von einer knappen Skizze dieser Problematik (8ff) eine insgesamt geschlossene Darstellung zu präsentieren, ist verständlich, verdeckt aber letztlich die grundlegenden Schwierigkeiten mit der Validität der zugrundegelegten Daten - oft handelt es sich um Zeitungsberichte u.ä. Schwerer wiegt m.E. die weitere Entscheidung, Al- Qaida als typologischen Fluchtpunkt der gesamten Darstellung zu wählen. Dies mag zunächst einleuchtend erscheinen, doch sind die denkbaren Vorteile dieser Strategie der Analyse und Darstellung teuer erkauft. Wenn Schneckener etwa bei transnationalen Finanzquellen für Terrorgruppen verschiedentlich auf Diaspora- Gemeinden hinweist, die etwa von den Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE), der IRA oder auch im Libanon basierten Gruppen genutzt wurden und werden, so verweist dies zumindest teilweise auf einen Prozess, der als Transnationalisierung nationaler Konflikte verstanden werden könnte und in der von Schneckener angedeuteten, aber nicht ausgeführten längerfristigen Tendenz zu internationaler und transnationaler Terror-Aktivität, sicher aber auch mit längerfristigen Migrationsprozessen in Zusammenhang stehen dürfte.
Solche Zusammenhänge oder auch parallelen Entwicklungslinien können aber nicht differenziert erfasst werden, wenn nicht untersucht wird, worum es den verschiedenen, als Terror-Gruppen identifi zierten Organisationen und Bewegungen geht. Die Feststellung, das "Wort Terrorismus ist ein politischer Kampfbegriff" (31), trifft ja zu, verweist aber auf eine Problematik, die Schneckener nicht einholt. Nicht umsonst hat sich der große südafrikanische Schriftsteller Breyten Breytenbach einmal als "Albino-Terrorist" bezeichnet und verweist damit heute auf die Problematik des Etiketts, das schließlich auch einmal Nelson Mandela aufgeklebt wurde. Schneckeners Typologie nichtstaatlicher Gewalttäter entsorgt gleichsam diese schwierige Ambivalenz, indem wesentlich eindeutigere Unterscheidungen etwa zwischen Guerilleros, Kriegsherren und Terroristen postuliert werden, als dies empirisch nachweisbar ist. Zugleich bekennt Schneckener krasse und folgenreiche Unkenntnis, wenn er Guerillabewegungen eine "reine Lehre, wie sie von Mao Tse Tung (sic), Ernesto Che Guevara, Frantz Fanon oder Carlos Marighela vertreten wurde" (32), zuschreibt. Hätte er sich etwa auf die Unterschiede zwischen der Theorie des Volkskrieges (Mao) und der Fokusstrategie (Guevara, Marighela) eingelassen, wäre die Dynamik, die zur Stadtguerilla und damit zu terroristisch eingestuftem Vorgehen geführt hat, deutlicher erkennbar gewesen. Dann aber ließe sich auch die Analysestrategie nicht mehr ohne weiteres durchhalten, Al-Qaida als Prototyp zu behandeln und auf andere Gruppen und Netzwerke weitgehend unabhängig von ihren Motiven und Ideologien gleichsam bei Bedarf zu verweisen. Dieses Vorgehen kann zwar einiges über die innere Funktionsweise der fraglichen Gruppen und zur Dynamik, teils auch zu Aporien klandestiner, Terror ausübender Gruppen aussagen. Da Schneckener zwar häufi g die "Ideologie" von Al-Qaida oder "die Dschihad- Ideologie" erwähnt, diese aber an keiner Stelle gründlich analysiert, lassen sich bei Bedarf auch Vorgehensweisen nationalistischer Gruppierungen wie LTTE, IRA oder ETA als Belege einbauen, auch wenn in einer tabellarischen Auflistung ausschließlich islamistische Gruppierungen vorkommen. Das meiste, was dabei etwa auf die Finanzierungsstrategien oder die Verbindungen zum organisierten Verbrechen zur Sprache kommt, ist aufmerksamen Zeitungslesern freilich ebenso geläufig, wie ein Großteil der daran anschließenden Interpretationen (inzwischen) den Leitartikeln und Feuilletons zu entnehmen ist. Dies aber genügt nicht den Ansprüchen an kritische sozialwissenschaftliche Analyse. Es ergibt sich vielmehr ein Narrativ, in dem die Charakteristika, Dynamiken und Aporien dessen, was als "transnationaler Terrorismus" bezeichnet wird, aus deren Lage und Zwängen hergeleitet werden. Sehr allgemeine Merkmale wie Illegalität oder Gewaltbereitschaft führen dann zu einer recht abstrakten, auf formale Organisation und technische Abläufe orientierte Begriffsbildung, die beispielsweise die im Falle Bin Ladens sehr wichtige Kommunikationsstrategie so gut wie völlig außer Acht lässt.
Der Begriff des Islamismus oder des islamistischen Terrors bleibt bemerkenswert blass und inhaltsleer. Schneckener verweist zwar immer wieder in allgemeinen Wendungen auf die polarisierte Sicht der "Dschihad-Ideologie", bezieht sich aber an keiner Stelle auf vorliegende Analysen der theologischen Innovationen, die etwa Bin Ladens Argumentationsstrategie zugrunde liegen und die scharfe Kontroversen etwa zur Problematik des Selbstmordes ausgelöst haben. Damit leistet Schneckener einer undifferenzierten Sichtweise auf den Islam Vorschub, die jener nahe kommt, die er in seiner abschließenden Kritik am Vorgehen der Bush-Administration so nachdrücklich beklagt. Darüber hinaus aber bleibt auf diese Weise eine entscheidende Dimension im Dunkeln: Die Frage der Legitimität, auf die islamistische Terror-Gruppen in einigen Regionen der Welt offensichtlich setzen und über die sie in gewissem Maß auch zu verfügen scheinen, lässt sich so wenigstens aus der Perspektive des Islam nicht mehr diskutieren. Diese wohl doch entscheidende Problematik der Legitimität und Mobilisierungsfähigkeit bleibt aber auch in anderer Hinsicht diffus. Schneckener verweist zur Charakteristik des "gesellschaftlichen, politischen und sozioökonomischen Umfeld(es), von dem transnationale Terroristen in besonderer Weise profitieren" (164) und das in erster Linie im Nahen und Mittleren Osten zu verorten ist, vor allem auf Bürgerkriege und Gewaltmärkte, "blockierte bzw. abgebrochene Modernisierungsprozesse", bad governance, "‚Schattenglobalisierung' sowie - quasi als Klammer der genannten Faktoren - die Problematik fragiler Staatlichkeit" (165). Er beschreibt Radikalisierungsprozesse zwar auch als Folge staatlicher Repression gegen "moderate oder gar liberale Oppositionskräfte" (180), denen mehr oder minder korrupte Regime gegenüberstehen, die allenfalls zögerlich  "marktwirtschaftliche Reformen" in Angriff nehmen (176). Das ist weniger, als gründliche modernisierungstheoretische Analysen einmal zu leisten unternahmen, die immerhin lokale gesellschaftliche Verhältnisse auf die Ursachen abklopften, denen dann die Blockade einer wünschenswerten Entwicklung zugeschrieben wurde. Hier bleiben zugunsten eines sehr großflächigen Bildes von "transnationalem Terrorismus" konkrete Prozesse bestenfalls unterbelichtet. Dabei ist andernorts wiederholt darauf hingewiesen worden, dass gerade beim Aufstieg von Al-Qaida so unterschiedliche Vorgänge und Zusammenhänge bedeutsam waren wie der Afghanistan- Konflikt, die Auflösung Jugoslawiens, wo der Krieg in Bosnien-Herzegowina zu einer Neubestimmung muslimischer Identität führte, der Tschetschenien- Krieg mit anderen Ursachen aber ähnlichen Folgen, aber auch die Rolle Saudi-Arabiens als enger Verbündeter der USA, wichtigster Erdöllieferant und Zentrum des Wahabismus. Insbesondere die Rolle der westlichen Vormacht bei der Gestaltung und Konservierung der Verhältnisse im arabischen und mittelöstlichen Raum oder ihre Förderung islamischer Fundamentalisten im Kampf gegen die sowjetische Besetzung Afghanistans spielen in Schneckeners Darstellung keine Rolle. Dabei wäre es schwerlich weit hergeholt, Entwicklungs- und Modernisierungsblockaden - ohne das modernisierungstheoretische Paradigma zu verlassen - auch im Kontext der Desavouierung und Frustration säkularer politischer Alternativen zu sehen, die im Verlauf des Kalten Krieges immer wieder auch vom "Westen" ausgegangen sind, besonders folgenreich und emblematisch mit dem von westlichen Geheimdiensten inszenierten Sturz der Regierung Mossadegh im Iran 1953. Eine solche Fragestellung würde die verbreitete essentialistische Zuschreibung islamischer oder gar islamistischer Orientierungen, die quasi naturwüchsig die Region beherrschen, zumindest erschüttern.
Eine derartige Kontextualisierung würde es freilich erschweren, den Zugriff durchzuhalten, den Schneckener gewählt hat und mit dem er sich durchaus auf den breiteren Kontext der Debatte über "neue Kriege" berufen kann. Die von Schneckener in seiner Schlussbetrachtung auf der Ebene der Einhaltung internationaler Regeln eingeforderte Glaubwürdigkeit hätte jedoch auch die Frage nach unterschiedlichen Sichtweisen auf die regionalen Hintergründe des Konstrukts "transnationaler Terrorismus" einzubeziehen, auch - und angesichts des in Rede stehenden Gefahrenpotentials, gerade - wenn dessen Überzeugungskraft damit ernsthaft erschüttert würde.
Reinhart Kößler

Quelle: Peripherie, 28. Jahrgang, 2008, Heft 111, S. 374-377

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