Jobst Conrad: Von Arrhenius zum IPCC. Wissenschaftliche Dynamik und disziplinäre Verankerungen der Klimaforschung. Münster 2008. 300 S.

Ohne eine wissenschaftliche Klimaforschung wäre der Klimawandel weder eindeutig erkennbar, nachweisbar und (in seinen Struktur- und Entwicklungsmustern) erklärbar, noch wäre die Entwicklung effektiver (auf ihre Folgewirkungen hin untersuchter) Klimatechnologien möglich. Daher ist es gerade vor dem Hintergrund einer zunehmend verwissenschaftlichten Gesellschaft und einer wachsenden Vorherrschaft problemorientierter Forschung gegenüber disziplinärer (Grundlagen-)Forschung von weitergehendem, nicht nur rein wissenschaftlichem Interesse, die die Klimaforschung prägenden Triebkräfte und Dynamik genauer zu untersuchen und zu erklären.

Was dieses Buch unter von der Vielzahl der in den letzten ein/zwei Jahren erschienenen Bücher zu Klimaproblem, -forschung, -diskurs und -politik abhebt, ist insbesondere die Kombination der prägnanten Darstellung inhaltlicher (naturwissenschaftlicher) Ergebnisse der Klimaforschung mit der Reflexion der epistemischen Struktur von Klimatheorien und ihrer disziplinären Verankerungen und mit der wissenschaftshistorischen und -soziologischen Analyse der wissenschaftlichen Entwicklungsdynamik der Klimaforschung. Hierbei kommen Conrad seine sowohl natur- als auch sozialwissenschaftliche Ausbildung ebenso wie seine problemorientierte Herangehensweise und historisch übergreifende Betrachtungsweise zugute. Bei dieser Analyse von Wissenschaftsdynamik, Community- und Disziplinbildungsprozessen in der Klimaforschung steht vor allem die epistemologische Ebene des Geltungszusammenhangs im Vordergrund. "Die Arbeit wertet die diesbezüglichen Befunde insbesondere daraufhin aus, ob sich die Entwicklung der Klimaforschung retrospektiv als eine wissenschaftliche Erfolgsgeschichte interpretieren lässt, inwieweit es sich um finalisierte Forschung handelt, und ob sich die Klimaforschung hin zu einer eigenen wissenschaftlichen Disziplin entwickelt." (5)
Mit dieser problemorientierten, auf die Klimaforschung fokussierenden Bündelung unterschiedlicher Perspektiven und Ansätze gelingt es dieser sekundär-empirischen historischen Längsschnittstudie, maßgebliche Kennzeichen dieser Entwicklungsdynamik zu verdeutlichen und zuzuspitzen als auch den Prozess der sozialen Einbettung und Institutionalisierung und den Wandel in den Erklärungsmustern der Klimaforschung herauszuarbeiten.
Denn "in ihrer nunmehr gut 150-jährigen Geschichte durchlief die Klimaforschung in mehrfacher Hinsicht signifikante Metamorphosen:
• von einer regionalen Klimakunde zu einem globalen Klimakonzept,
• von einfachen zu komplexen, die weltweit größte Computerkapazität beanspruchenden Klimamodellen,
• von einer anfangs im Wesentlichen in der Meteorologie und Geografie beheimateten Forschung zur Einbeziehung immer weiterer das Klima bestimmender Faktoren in einer ganzheitlich-problemorientierten, auf Erdsystemanalyse ausgerichteten Forschung,
• von einem als stationär angesehenen Klima zur Erkenntnis und Analyse abrupten Klimawandels,
• von ungewissen (sich teils als durchaus korrekt herausstellenden) Spekulationen zur Absicherung ihrer Ergebnisse in einem aufwändigen, in dieser Form bislang nicht gekannten Review-Verfahren mit inzwischen durchweg als Stand der Forschung anerkannten IPCC-Berichten,
• von zumeist unverbundenen, in unterschiedlichen Fächern gewonnenen klimarelevanten Einzelerkenntnissen zu einem eigenständigen Forschungsfeld und tendenziell zu einem sozial und institutionell verankerten Fach Klimawissenschaft,
• von dem Engagement einiger weniger Einzel- und Amateurwissenschaftler zur professionell betriebenen, intensive weltweite Kooperation verlangenden und realisierenden Klimaforschung,
• von ihrer impliziten Finanzierung in der Größenordnung von 10-20 Mio. EURo im Rahmen der Geowissenschaften, insbesondere der Meteorologie, zu einer jährlich weltweit einige Mrd. EURO an Ressourcen beanspruchenden Großforschung,
• von einem - im Unterschied zur Wetterkunde - (forschungs)politisch kaum beachteten zu einem politisch hochbrisanten Forschungsfeld
• und - in jüngster Zeit - von der Klimaforschung zur Entwicklung von Klimatechnologien und -strategien." (S. 4f.)
Im Ergebnis lässt sich die Entwicklung der Klimaforschung im Rückblick durchaus als eine Erfolgsgeschichte einstufen, wobei dies keineswegs (zwangsläufig) zu erwarten war. Infolge der zunehmenden Herausbildung einer eigenen Fachgemeinschaft der Klimaforscher und einer eigenständigen problemorientierten und multidisziplinären Klimawissenschaft weist die Klimaforschung tendenziell Fach-, jedoch keinen Disziplincharakter auf. Als Gesamtbild schält sich heraus, "dass zum einen der größte Teil klimawissenschaftlichen Wissens erst in den letzten Dekaden erlangt wurde und zum anderen die Mehrzahl zentraler Aussagen und Theoreme über Klimastruktur und -wandel überwiegend erst in den beiden letzten Jahrzehnten als wissenschaftlich anerkannte Tatbestände durchweg akzeptiert wurden." (S. 198f.)
Um ebendiese Rekonstruktion und Interpretation der Klimaforschung substanziell hinreichend zu fundieren, resümiert Conrad nach der Darstellung des methodischen Vorgehens und den Grenzen seiner Untersuchung zum einen ausführlich die sie leitenden (wissenschaftssoziologischen) Begriffe, theoretischen Kontexte und ihren analytischen Rahmen; dies betrifft etwa das Verhältnis von funktionaler Differenzierung und Wahrheit, die differenzierte Begrifflichkeit von Disziplinarität und Interdisziplinarität, oder die essenziellen Merkmale der Herausbildung einer wissenschaftlichen Community als sozialen Prozess. Zum anderen präsentiert er in einem knapp die Hälfte des Buches umfassenden historischen Überblick die sukzessive Entwicklung der Klimaforschung seit ihrem Beginn im 19. Jahrhundert. Hierbei unterscheidet er mithilfe eines mehrdimensionalen Kriterienrasters (wie Eigenständigkeit, Umfang, Erklärungsreichweite, Forschungsprogramme und -organisation, Problemorientierung, Erklärungsniveaus und Messmöglichkeiten, Kontroversen und Eindeutigkeit, wissenschaftliche Erkenntnis- und gesellschaftliche Förderinteressen der Klimaforschung) heuristisch sechs unterschiedliche Entwicklungsniveaus markierende Entwicklungsphasen. Auf dieser Basis behandelt Conrad dann in stärker systematisch auf bestimmte (praxisrelevante) Frage- und Problemstellungen ausgerichteten Kapiteln die Wechselwirkung ihrer Einflussfaktoren, die Rolle von Kontroversen, die Entwicklungs- und Wissenschaftsdynamik der Klimaforschung, erklärende Theorien und Modelle in der Klimaforschung und deren disziplinäre Verankerungen.
Aufgrund des Fokus der Arbeit auf genuine (naturwissenschaftliche) Klimaforschung werden weitergehende interessante Frage- und Problemstellungen wie die Rolle von Klimapolitik, Klimadiskursen oder die Bereiche von Klimafolgenforschung, Klimapolitik sowie Anpassungs- und Vermeidungsstrategien gegenüber dem Klimawandel zwar benannt und kompakt mit eindeutigen Aussagen aufgegriffen, aber nicht weiter behandelt. Deutlich werden etwa die trotz politischer Interventionen durchweg aufrecht erhaltene weitgehende Eigenständigkeit der Klimaforschung, die primär die sozialen Organisationsformen und die Initiierung und Etablierung von Klimaforschungsprogrammen betreffenden Optionen forschungspolitischer Steuerung, sowie die trotz des in den letzten Dekaden intensiven und gewollten Austausches zwischen Wissenschaft und Politik deutliche Separiertheit und Unterschiedlichkeit klimawissenschaftlicher und klimapolitischer Diskurse.
Das Buch richtet sich grundsätzlich an ein breites Publikum, wobei es ihm je nach Provenienz unterschiedliche Erweiterungen seines Erfahrungshorizonts nahe legt: Klimawissenschaftlern ermöglicht es, ihr eigenes Arbeitsgebiet in seinem größeren Entstehungs- und Geltungszusammenhang plausibel einzubetten und mithilfe wissenschaftssoziologischer Kategorien breiter zu reflektieren; Klimapolitiker können sich unter Kenntnisnahme relevanter Ergebnisse der Klimaforschung ihrer Eigendynamik, der zentralen Rolle des Geltungszusammenhangs, realistischer Optionen und der begrenzten Möglichkeiten klimapolitischer Forschungssteuerung vergewissern; und (mit Umwelt- und Klimafragen befassten) Sozialwissenschaftlern vermittelt das Buch einerseits einen kompakten und zugleich differenzierten Überblick über die Erkenntnisse und Geschichte der Klimaforschung und regt sie andererseits zur kritischen Überprüfung einiger gängiger (wissenschaftssoziologischer) Konzepte und Theorien an, insofern die Rekonstruktion der Entwicklung und Wissenschaftsdynamik der Klimaforschung deren Geltung teils in Frage stellt. Allerdings verlangt dies von den Lesern eine aufmerksame reflexive Lektüre und ein Sich-Einlassen auf verschiedene, teils ungewohnte fachsprachliche (klimawissenschaftliche bzw. wissenschaftssoziologische) Terminologien, wie von Naturwissenschaftlern die kompakte Kenntnisnahme wissenschaftssoziologischer Diskursergebnisse, oder von Sozialwissenschaftlern das Interesse an der Darstellung der vielfältigen Ergebnisse und Nuancen der Klimaforschung. Bei einer präzisen und differenzierten Sprache erfolgt die Verknüpfung von wissenschaftssoziologischer Theorie mit der Rekonstruktion der Entwicklung der Klimaforschung zudem relativ umstandslos direkt, was von dem damit weniger vertrauten Leser einige Anstrengung verlangt. Der wesentliche Gewinn eines solchen in dieser Form bislang nicht vorliegenden synoptischen Zusammenschau liegt darin, dass er mit dem Buch über komprimiertes Klima (wissenschaftlich, politisch und soziologisch) relevantes Wissen verfügt, das es ihm erlaubt, die verschiedenen für ihn relevanten Dimensionen und analytischen Perspektiven rasch nachschlagen und miteinander verknüpfen zu können, ohne sich jeweils in die sie ausführlich behandelnde umfangreiche Fachliteratur vertiefen zu müssen.
Alles in allem handelt es sich bei diesem Buch um eine anspruchsvolle und gelungene Rekonstruktion, Darstellung und Analyse der insgesamt über ein Jahrhundert umfassenden Wissenschaftsdynamik der Klimaforschung.
Rüdiger Glaser

Quelle: Erdkunde, 63. Jahrgang, 2009, Heft 1, S. 87-88

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