Ein Essay über gesellschaftliche Differenzierung, Entwicklungspotenziale und erstaunliche Bildungsblockaden

Summary
This essay takes the opportunity of the authors’ experiences of otherness and ruptures in the expectancy of normality to analyse the primary societal differentiation and the practices of societal causation in Carinthia, inspired by social geographical interest and a system theoretical perspective.

Zusammenfassung
Das Essay nimmt Fremdheitserfahrungen und Normalitätsbrüche der aus beruflichen Gründen nach Kärnten zugereisten Autorin zum Anlass und beobachtet sozialgeographisch interessiert und systemtheoretisch informiert die Form der primären gesellschaftlichen Differenzierung sowie die Praxis der gesellschaftlichen Kausalität in Österreichs südlichstem Bundesland.

 


Immer verändert das Wissen den Blick.
Immer verändert das Beschreiben den Blick.
Wir sehen mit den Wörtern.
Angelika Overath (2010)

I.
„Aus Deutschland nach Kärnten zugereist“ – auch nach viereinhalb Jahren ist dies immer noch ein markantes Merkmal meines Alltags. Der Satz, der mir in den ersten eineinhalb Jahren am häufigsten entgegengehalten wurde, lautet: „Kärnten ist anders!“ Er schien meinen Gegenübern offensichtlich immer dann angebracht, wenn ich die Gepflogenheiten und Üblichkeiten mit Erstaunen kommentierte oder aber – was viel schlimmer war: etwas einfach anders machte. Wie ernsthaft und gleichzeitig vielfältig dieser Hinweis gemeint war (und ist) und welche Implikationen diese spezifische Form der Verräumlichung hat, wurde mir erst im Verlauf der Zeit deutlich. In voller Tiefe habe ich ihn sicherlich noch nicht ausgeleuchtet.

Nach viereinhalb Jahren geht allmählich die Zeit der „Feldforschung“ in eine Art der „Verbeheimatung“ über. Auch wenn ich immer einmal wieder – oft unvermittelt –  in den Modus des Schauens, „was da so los ist“ gerate, fühle ich mich doch allmählich als einen Teil der Welt, dem ich mich aus beruflichen Gründen ausgeliefert habe. Damit entspricht meine Suchbewegung in Kärnten der typischen Situation einer „Fremden“ (längst hinlänglich beschrieben z. B. bei Simmel 1908, Schütz 1972, Waldenfels 1999, Stichweh 2010), die in der neuen Welt pausenlos Brüche ihrer Normalitätserwartungen erleidet und deren Anpassungsstrategien nach zahllosem Versuch und Irrtum iterativ und langsam Erfolge verbuchen kann. Verbunden mit einem sozialwissenschaftlichen Interesse an Gesellschaft fühlte ich mich – etwas unfreiwillig und trotz der Erwartung „des Fremden“: unerwartet – in eine ethnographische Situation geworfen, wie sie Ferdinand Sutterlüty und Peter Imbusch (2008,  S. 10) für die typische Forschungssituation „im Feld“ recht treffend beschreiben:

„Der Ethnograph weiß oft nicht, was ihn im Feld erwartet und worauf er sich einzustellen hat. Er überschreitet seinen gewohnten Lebensradius und muss die Kunst beherrschen, sich auf extraterritorialem Gebiet unauffällig und vertrauenerweckend zu bewegen. Verhält er sich falsch, droht sich sein Feld schnell vor ihm zu verschließen. Diese Möglichkeit des Scheiterns macht einen Teil der Gespanntheit aus, die der Feldforscher mit einem Abenteurer teilt. Versuchen ihn die Akteure im Feld zu vereinnahmen, indem sie ihn etwa zum Spitzel machen und von ihm erfahren wollen, was Dritte gesagt und getan haben, muss er dem Ansinnen widerstehen. Schnell aber kann es dazu kommen, dass er sich als beobachteter Beobachter durch die Reaktionen seiner Forschungsobjekte, die ihn ad personam adressieren, in Frage gestellt und gezwungen sieht, die Rolle des unbeteiligten Zuschauers aufzugeben. All diese Klippen, die das Feld dem Forschenden bereithält, gilt es zu meistern. Die Anpassungsleistungen, die er als Außenseiter erbringen muss, sind Erkenntnisquellen ersten Grades. Am eigenen Leib erfährt er, was es heißt, ein Akteur in einem bestimmten gesellschaftlichen Milieu zu sein. In seiner Subjektivität erschließt sich eine Welt, an die er sich ausgeliefert hat“ (Sutterlüty/Imbusch 2008, S. 10).

Einige Beobachtungen aus meiner unbeabsichtigten „Feldforschung“ in Kärnten bilden die Basis für die folgenden Überlegungen. Sie sind der Versuch einer Analyse der primären gesellschaftlichen Differenzierung in Kärnten, die sich ganz offensichtlich von der primären gesellschaftlichen Differenzierung in Deutschland – meinem Herkunftsland – unterscheidet. Als Ausgangspunkt der Beobachtung wähle ich die drei unterschiedlichen Formen der primären Differenzierung von Gesellschaft (segmentierte, stratifikatorische und funktionale Differenzierung), wie sie der Soziologe Niklas Luhmann in seiner Theorie sozialer Systeme (1986) als unterschiedliche Entwicklungsstufen in der Evolution der Gesellschaft beschrieben hat. Die primäre gesellschaftliche Differenzierung hat, unter vielem anderem, auch Auswirkungen auf regionale Entwicklungspotenziale sowie auf die Art und Weise, wie (universitäre) Bildung erlebt und erfahren wird; beides sind Aspekte, die für die Zukunft des südlichsten Bundeslandes Österreich wichtig erscheinen. Der Beitrag erhebt keinen Anspruch auf eine objektive oder intersubjektiv vergleichbare Beobachtung und Interpretation auf der Grundlage empirisch abgesicherter Daten. Vielmehr handelt es sich um eine subjektive Suche nach Evidenz für die Entschlüsselung einiger (von mir als rätselhaft erlebter) Beobachtungen, ausgehend von einem universitären Umfeld. Wie jede Suche Halte- und Orientierungspunkte braucht, nutze auch ich für meine Orientierung in der sozialen Welt eine „Landkarte“ – diese spezifische Topographie speist sich aus Gesellschaftstheorie. Aus dieser qualitativen Vorgehensweise des Erkenntnisstrebens erklärt sich auch die vielleicht befremdliche Schreibform des „ich“ in einer Arbeit, die in erster Linie als ein von einem sozialgeographischen Blick inspiriertes  und in zweiter Linie als ein gesellschaftstheoretisch informiertes Essay verstanden werden möchte. Und um noch gleich eine mögliche weitere Erwartung zu enttäuschen: Der Beitrag ist kein Versuch einer Erklärung aktueller Verhältnisse in Kärnten, die zur Erläuterung auf historische, regional- und lokalpolitische oder sozioökonomische Besonderheiten des Landes Kärnten zurückgreift (und zurückgreifen müsste). Aufgrund meiner sehr knappen Kenntnis dieser Region wäre dies mehr als vermessen; zudem dies von berufener Seite und mit großem Sachverstand bereits betrieben wurde und wird (vgl. beispielsweise Rumpler/Burz 1998, Ebner 2003, Seger 2010 oder die sehr scharfsinnigen und scharfzüngigen Skizzen eines österreichischen und eines Kärntner Psychogramms von Erwin Ringel (1984, 1988). Mein Anliegen ist es vielmehr, mit einem (noch) weitgehend unverstellten Blick der Zugereisten zu schauen – bevor ich mich verbeheimatet habe, bevor ich durch eine tiefere Kenntnis der Historie sowie durch eine engere Verbundenheit mit der Region zu stark mit dem Beobachtungsgegenstand und damit gleichsam mit seiner „sozialen Materialität“ verwoben sein werde. Dies erlaubt – so behaupte ich – eine Perspektive, die anderes in den Blick bekommt, als eine Vorgehensweise, die vom Gegenstand selbst her kommt (also etwa die Landschaft, ihre Bewohner_innen und ihre Praktiken als gegeben annimmt) und auf eine umfassende, langjährige Kenntnis und Erfahrung mit dem Untersuchungsgestand zurückgreifen kann. Meine Perspektive sucht die Begegnung gleichsam von der Gegenseite und möchte damit kommunikative Strukturen und gesellschaftliche Muster in den Blick bekommen. Dies mag als Vorrede genügen.

II.
Bei regionalen Vergleichen werden üblicherweise die großen Unterschiede in den Realisierungschancen von Leistungen der unterschiedlichen gesellschaftlichen Teilsysteme hervorgehoben, vor allem Unterschiede der wirtschaftlichen Entwicklung, der Attraktivität der gesamten Region (gemessen an Zu- oder Abwanderungszahlen), der Erfolge in der Schul- und Hochschuldbildung, teilweise auch der Rechtsstaatlichkeit und politischen Demokratisierung. Im Bundesvergleich in Österreich wird Kärnten ob seiner (auch von der Autorin sehr geschätzten) wunderbaren Landschaft bewundert, insgesamt jedoch gilt es als rückständig und modernisierungsfeindlich, es verzeichnet als einziges Bundesland in Österreich ein deutlich negatives Wanderungssaldo und die Prognosen im Hinblick auf das Potential für einen grundlegenden Wandel der Verhältnisse sind alles andere als günstig. Konkret heißt das, weder die Finanzlage, noch die wirtschaftliche Dynamik und das zugeschriebene exogene/endogene Potential oder aber die Einwohner_innenzahl und das demokratische Selbstverständnis geben viel Anlass zur Hoffnung. Es liegt nahe zu fragen, worin dies begründet liegt und ob (und wenn ja: wie) sich das ändern ließe.

Um über diesen Zusammenhang genauer nachdenken zu können und die Spezifika der gesellschaftlichen Praktiken einer Region zu verstehen, braucht es ein Verständnis davon, um welche Form von Gesellschaft es sich handelt und welche Konsequenzen diese primäre Gesellschaftsdifferenzierung1 mit sich bringt. Das heißt, es braucht ein Verständnis davon, über welche dominanten Differenzierungsformen sich eine Gesellschaft in einzelne gesellschaftliche Teilsysteme untergliedert. Je nach Differenzierungslogik (z. B. nach der Logik der Familienzugehörigkeit oder aber der Logik von eigenständigen gesellschaftlichen Funktionen wie Wirtschaft, Politik, Recht, Kunst, Wissenschaft usw.) unterscheidet sich Ausdruck und Form der Gesellschaft eklatant. Unmittelbar verbunden mit der Form der Gesellschaft sind die Prozesse der Zuschreibung und Selektion von Ursache-Wirkungsbeziehungen (kurz: Kausalitäten), die in einer Gesellschaft vorgenommen werden. Von dieser Formenselektion hängen sowohl Aussichten auf ein erfolgreiches Handeln als auch das wechselseitige Beobachten der Intentionen von anderen und damit das soziale, wirtschaftliche, politische usw. Miteinander ab.

Die Art, wie ein System sich intern differenziert, verändert sich mit der Evolution des Systems selbst. Am deutlichsten lässt sich die Evolution von Systemen sicherlich an der primären Differenzierung der Gesellschaft zeigen (vgl.  Baraldi et al  1998, S. 28). Aufgrund der Beobachtung gesellschaftlicher Entwicklungen ist davon auszugehen, dass die Gesellschaft und ihre Regeln (im Sinne von Semantik) im Laufe ihrer historischen Entwicklung immer komplexer wurden und sich als Folge dieser Komplexitätssteigerung2 ständig weiter ausdifferenzierten (vgl. Luhmann 1993). Hierbei geht es in erster Linie nicht um eine Veränderung des Differenzierungsniveaus, sondern um eine Veränderung der Differenzierungsformen. Die Form der gesellschaftlichen Differenzierung bestimmt die Art und Weise, wie die Beziehungen zwischen den gesellschaftlichen Teilsystemen realisiert werden (vgl. für das Folgende Luhmann 1998, S. 609 ff.; Luhmann 1977; Baraldi et al. 1998, S. 65 f.). Damit bildet die Differenzierungsform die Struktur der Gesellschaft, da sie eine Ordnung für die Beziehungen zwischen den Teilsystemen festlegt, die die Möglichkeiten der Kommunikation vorselegiert. Die Differenzierungsform bestimmt auch die Grenzen der Komplexität, die eine Gesellschaft erreichen kann; wenn die Komplexität diese Grenzen übersteigt, kommt es zu einer weiteren Ausdifferenzierung (Reproduktion der Gesellschaft); allerdings nur dann, wenn sich dabei auch die Form der Differenzierung ändert. Die Form der primären Gesellschaftsdifferenzierung verändert sich demnach evolutiv unter dem Druck der Zunahme von Komplexität und legt so jeweils neue Niveaus der erreichbaren Komplexität der Teilsysteme fest (vgl. Baraldi et al. 1998, S. 65).

Folgt man der Analyse der historischen Entwicklung von Gesellschaft, dann ergeben sich die Formen der primären Gesellschaftsdifferenzierung aus der Kombination von zwei Differenzen (Luhmann 1987, 1998): (a) der Differenz System/Umwelt und (b) der Differenz Gleichheit/Ungleichheit im Hinblick auf das Verhältnis der verschiedenen Teilsysteme zueinander. Demnach haben sich im Laufe der Evolution der Gesellschaft drei Differenzierungsformen als primäre Strukturen entwickelt, die sich im europäischen Kontext als eine „plausible Rekonstruktion“ (Luhmann 1998, S.  615) fassen lassen: Die Differenzierung in gleiche Teilsysteme (Segmentation), die Differenzierung aufgrund von Ungleichheit entweder in Form von Zentrum/Peripherie oder in Form einer hierarchischen Differenzierung in Schichten (Stratifikation) und schließlich als bislang letzte Form der gesellschaftlichen Evolution die funktionale Differenzierung der Moderne. Wie in der biologischen Evolution auch, sagen die unterschiedlichen Differenzierungsformen nichts über die Qualität der Form der Gesellschaft, sondern drücken vor allem eine Veränderung in der Komplexität der Gesellschaft sowie einen veränderten Umgang damit aus. Zur Erläuterung seien die verschiedenen Formen in knappen Worten skizziert (vgl. Luhmann 1998, S. 612 ff.; Baraldi et al. 1998, S. 65  f.):

1. Im Laufe der Evolution der Gesellschaft stellt die segmentäre Differenzierung die erste Phase dar, in der die Teilsysteme gleich sind hinsichtlich ihres Differenzierungsprinzips, das sich auf die Abstammung (Familien, Stämme oder Clans) oder die Residenz (Wohngemeinschaft in Häusern oder Dörfern) stützt.3 Die Segmentierung kann sich auch innerhalb der primär ausdifferenzierten Teilsysteme wiederholen (also beispielsweise Häuser in Dörfern oder Familien in Stämmen). Die zugelassene Komplexität ist in der segmentär differenzierten Gesellschaft nicht sonderlich hoch, da die beobachtete Welt immer auf die Differenz familiär/nicht-familiär bezogen wird und eine Tendenz vorherrschend ist, alles auf Familiarität zurückzuführen. Die Kommunikation vollzieht sich als Interaktion unter Anwesenden (vgl. Kieserling 1999) , weil es in dieser Phase der Geschichte noch keine Verbreitungsmedien gibt, die es erlauben würde, abwesende Adressaten zu erreichen. Die Gesellschaft verfügt damit nur über eine beschränkte Selektivität; der Begriffsvorrat der Gesellschaft wird zudem mündlich tradiert. Die Veränderung der Gesellschaftsstruktur der segmentären Gesellschaft beginnt mit dem Zerbrechen der Norm der Reziprozität der Kommunikation unter Gleichen, die die Funktion hatte, die Gleichheit zwischen den Familien, Stämmen, Dörfern usw. als Teilsysteme der segmentären Gesellschaft zu erhalten.

2. Evolutionär die nächste Gesellschaftsform bildet die Differenzierung nach dem Prinzip der Ungleichheit, die sich in Form einer Ausdifferenzierung nach Zentrum/Peripherie oder nach Schichten (stratifikatorischen Differenzierung) zeigen kann. Auf der Grundlage von Residenz (Territorialität) kann sich die Differenzierung zwischen einem Zentrum (z. B. ein Kaiser mit seiner Bürokratie) und der Peripherie ausbilden, auf der Grundlage von Abstammung (Verwandtschaft) die hierarchische Differenzierung in Schichten (z. B. Stände) manifestieren. In beiden Gesellschaftsformen sind die Teilsysteme rangmäßig ungleich; sie stehen nicht mehr gleichberechtigt nebeneinander, vielmehr gibt es eine hierarchische Unterscheidung von Zentrum und Peripherie oder von Oben und Unten. Innerhalb des Prinzips der stratifizierten Hierarchie müssen die Verhältnisse kommunikativ immer auf den Rang bezogen werden, wobei die Oberschicht durch die Hervorhebung der Ungleichheit die innere Ordnung der Gesellschaft bestimmt. Territoriale Differenz ebenso wie Stratifikation heißt also „Gleichheit im Rahmen von Ungleichheit“ (Baraldi et al. 1998, S. 67).

3. Die (bislang) letzte Form der gesellschaftlichen Differenzierung, die evolutionär auf die zuvor genannten Gesellschaftsformen folgt, ist die funktionale Differenzierung moderner Gesellschaften, in der keine Hierarchie der einzelnen Teilsysteme mehr festzustellen ist, sondern vielmehr eine Ausdifferenzierung „unter dem Gesichtspunkt sowohl der Ungleichheit als auch der Gleichheit der Teilsysteme“ (Luhmann 1998, S. 613) erfolgt. Jedes Teilsystem differenziert sich nach seiner spezifischen Funktion in der Gesellschaft aus: das politische System, das Wirtschafts-, das Wissenschafts-, das Erziehungs-, das Rechtssystem, die Familien, die Religion, das Medizin-, Kunst- und Sportsystem entstehen als wichtigste Teilsysteme der funktional differenzierten Gesellschaft. Alle diese Teilsysteme sind aufgrund ihrer unterschiedlichen spezifischen Funktion ungleich, stehen jedoch in ihrer Ungleichheit gleichberechtigt nebeneinander.

Es dürfte weltweit keine Gesellschaft zu finden sein, die sich rein über eine funktionale oder eine rein stratifkatorische oder eine rein segmentäre Differenzierung strukturiert. Vielmehr liegen diese Differenzierungsformen in einer Art Gemengelage vor, bei der sich jedoch in der Regel eine Form als dominant erweist; die Dominanz lässt sich an den kommunikativen Prozessen im Alltag und den in der Gesellschaft vorzugsweise aktualisierten Kausalitäten feststellen. Welche primäre Gesellschaftsdifferenzierung in einer spezifischen Gesellschaft4 zum Tragen kommt und somit dominant wird, hängt auch von ihren Entwicklungspfaden ab. Für den von Niklas Luhmann angeführten Katalog der Differenzierungsformen gibt es keine theoretische Begründung: „Man kann aber einsichtig machen, daß die evolvierenden Gesellschaften nur wenige stabile Formen der Systemdifferenzierung finden und dazu tendieren, einer einmal bewährten Form das Primat zu geben“ (Luhmann 1998, S. 614). In der Regel erzwingt die Zunahme an Komplexität eine Veränderung der Differenzierungsform.

III.
Die Entwicklung und Herausbildung einer funktional differenzierten Gesellschaft – laut Niklas Luhmann evolutiv der bisher letzten gesellschaftlichen Differenzierung – kann als ein wesentliches Kennzeichen der Moderne verstanden werden (vgl. Luhmann 1992). Als Motor für diese Entwicklung gilt die Phase der so genannten industriellen Revolution in Europa mit ihren grundlegenden Umwälzungen der Gesellschaft, die sich mit Schlagworten verbinden lassen wie Urbanisierung, Entwicklung eines Arbeiterstandes, Betonung der bürgerlichen Gesellschaft sowie die sich anschließende Autonomie des Individuums, Rationalisierung und Bürokratisierung der Lebenswelt, aber auch Bewegungen der Demokratisierung, Herausbildung der Zivilgesellschaft sowie eine Pluralisierung von Lebenslagen. In diesem Sinne wirkte die industrielle Revolution auch als wesentlicher Antreiber für die funktionale Ausdifferenzierung der gesellschaftlichen Teilbereiche.

Aus der Beobachtung der kommunikativen gesellschaftlichen Praxis sowie der sozialen Interaktionen lässt sich schließen, dass in Kärnten die primäre Differenzierung einer segmentären Strukturierung folgt und weniger funktional differenziert erscheint. Beispielsweise wird der Bezug auf die Familiarität als wesentliches Element der gesellschaftlichen Kommunikation in all jenen kommunikativen Situationen deutlich, in denen die beteiligten Personen sich oder andere Beteiligte identifizieren müssen. Solange die Frage der familiären Einbindung und, damit verbunden, der territorialen Verortung (welcher Ort oder welche Talschaft) nicht geklärt ist, kann das fachliche oder sachbezogene Gespräch nicht weitergehen. Diese Beobachtung findet Halt in der Theorie: „Segmentäre Differenzierung setzt voraus, dass die Position von Individuen in der sozialen Ordnung fest zugeschrieben ist und nicht durch Leistung verändert werden kann. ... Ascribed status ist eine Regel für eine Ordnung, in der man sich kennt“ (Luhmann 1998, 636). Diese Rationalität hat den für die Autorin durchaus überraschenden Effekt, dass die Kommunikationsmöglichkeiten sich tatsächlich vor allem auf Kommunikation „unter Anwesenden“ beschränkt (vgl. Kieserling 1999). Trotz der selbstverständlich vorhandenen fernmündlichen und fernschriftlichen Kommunikationsmedien (Telefon und eMail), die durchgängig verbreitet sind, lassen sich die allermeisten Sachverhalte nur durch ein persönliches Gespräch unter Anwesenheit der beteiligten Personen regeln. Für die Arbeit in einem universitären Zusammenhang, die in vielen Aspekten den Bezug auf die lokale Örtlichkeit übersteigt, ist dies ein unerwarteter Aspekt.

Der Bezug auf familiär/nicht-familiär lässt sich bei allen möglichen Kommunikationsanlässen feststellen, z. B. bei der Diskussion über Sachthemen wie Abläufe oder Strukturen an der Universität. Hier stockt das Gespräch, bis geklärt (und vor allem: namentlich verortet) werden konnte, wer für die Sache aktuell verantwortlich ist, wer dies davor – und davor – war, wer den Prozess „erfunden“ hat und wer bei der Entwicklung oder in späteren Stadien in Form von Störungen oder Hilfestellungen interveniert hat. Das Gespräch über Sachthemen stellt darüber hinaus den Rahmen für Klatsch und Tratsch, die in dieser Form nur in sehr vertrautem Umfeld stattfinden kann und damit auch als Mechanismus zur Sicherung und Erhaltung sozialer Beziehungen in vertrauten Gruppen dient (über die vielfältigen Funktionen und Modi dieser Form der Kommunikation siehe Bergmann 1987). Gespräche dienen offenbar – neben der Besprechung des sachlichen Anlasses – vor allem auch dazu, sich gegenseitig zu versichern, dass die soziale Wertschätzung, das Vertrauen ineinander sowie der gegenseitig zugeschriebene Status ungebrochen in Takt sind.

Die Orientierung der einzelnen Beteiligten in der segmentär differenzierten Gesellschaft Kärntens mag sich in vielen Fällen von einer reinen Familienzugehörigkeit auf die Zugehörigkeit zu Gruppierungen von Partikularinteressen erweitert haben, aber das Prinzip bleibt dasselbe.5 Neben der dominanten Gesellschaftsform der segmentären Differenzierung, spielen selbstverständlich auch in Kärnten Formen stratifikatorischer (soziale Ungleichheit beispielsweise) als auch Formen funktionaler Differenzierung eine, allerdings untergeordnete, Rolle. Denn das Bundesland ist neben seinen selbstreferentiellen „Eigenzuständen“ (Luhmann 1998, 614) auch in die kommunikativen Bezüge mit der Hauptstadt Wien sowie in europäische Strukturen eingebunden. Kärnten unterliegt damit auch den Anforderungen einer vorwiegend funktional differenzierten Gesellschaft (und genießt gleichzeitig die Privilegien wie Subventionen und Förderungen, die damit einhergehen). Ebenso lassen sich auch in stark funktional differenzierten Gesellschaften selbstverständlich auch Aspekte der Stratifikation (Ungleichheit) und der Segmentation (Familien, Zusammenschlüsse von Partikularinteressen usw.) feststellen. Prinzipiell ist der Befund einer segmentären Differenzierung in Kärnten daher wenig überraschend. In eher ländlich strukturierten Gebieten finden sich üblicherweise Formen einer segmentären Gesellschaftsdifferenzierung, so auch z. B. in Deutschland in Bayern (jenseits von München), in Rheinland-Pfalz (jenseits der Städte Mainz und Ludwigshafen) oder in Nordhessen, um nur einige zu nennen. Im Unterschied zu Kärnten scheint in den zuletzt genannten Regionen jedoch die funktionale Differenzierung als relevanter Verweisungshorizont auf, der vor allem in all jenen Fällen zum Tragen kommt, in denen die personalen Beziehungen der Segmente nicht ausreichen, um konfliktäre Sachverhalte zu klären: Jedes Individuum weiß, dass es sich auf die funktionale Leistung der Teilsysteme der funktional-differenzierten Gesellschaft berufen und verlassen kann und eine prinzipiell an der Sache (und nicht an einer Person) orientierte Fachabteilung zur Klärung vorhanden ist. Die Überraschung ist also nicht die Frage, ob es eine segmentäre Differenzierung in Kärnten gibt, sondern das sie als dominante primäre Differenzierung verstanden werden kann. Dieser Befund korreliert mit den Beobachtungen der gesellschaftlichen Kausalitäten, die in Kärnten in der gesellschaftlichen Kommunikation sowie im Handeln aktualisiert werden.

IV.
Regional feststellbare Unterschiede in Hinblick auf politische, wirtschaftliche und soziale Entwicklung werden üblicherweise mit dem Gang der Geschichte begründet und, etwas tiefergehend, mit dem Verweis auf „Kultur“ oder „Mentalität“ belegt. Beide Verweise tragen jedoch nicht sehr zur Klärung bei (Luhmann 1995a, S. 8): „Kultur“ erscheint zu umfassend und der Begriff lässt im Dunkeln, was durch ihn ausgeschlossen wird (da üblicherweise alle Artefakte und Vorstellungen diesem Begriff zugeordnet werden, sogar unsere Vorstellungen von „Natur“). „Mentalität“ ignoriert die wichtige Unterscheidung zwischen intrapsychischen und kommunikativen Prozessen und kann damit auch nicht festlegen, was genau von dem Begriff ausgeschlossen ist. Der Verweis auf „Kultur“ und „Mentalität“ verschließt daher eher eine weitere Analyse, als dass er einen wissenschaftlichen Ertrag erwarten ließe.

Niklas Luhmann schlägt in seiner klugen Regionalstudie „Kausalität im Süden“ vor, sich regionalen Unterschieden auf dem Weg der „Kausalität“ zu nähern, um in der vorgefundenen sozialen Realität zu verstehen, welche Ursache-Wirkungs-Beziehungen gesellschaftlich bemüht werden. Dabei gilt: Eine objektiv feststellbare, also „wahre“ Kausalität dürfte nur in sehr einfach gestrickten Laborversuchen festzustellen sein. Unsere Lebenswelt entspricht jedoch keineswegs einem Laborversuch und ist alles andere als einfach gestrickt. Forschungen über Kausalität (z.B. Bailer-Jones et al. 2007, Elsfeld 2007, Russell 1952) zeigen daher vielmehr, dass keineswegs davon auszugehen ist,

„dass Beziehungen zwischen Ursachen und Wirkungen objektive Sachverhalte der Welt seien, über die dann wahre bzw. unwahre Urteile möglich sind. Vielmehr geht es um eine Unendlichkeit möglicher Kombinationen von Ursachen und Wirkungen, die nur extrem selektiv genutzt werden können, wenn ein Zusammenhang von bestimmten Ursachen mit bestimmten Wirkungen irgendeinen kognitiven oder praktischen Sinn geben soll“ (Luhmann 1995a, S. 7).

Mit anderen Worten heißt das: Kausalität ist nichts anderes als ein Medium lose gekoppelter Möglichkeiten. Welche Kausalität als relevant herausgegriffen wird, ist jedoch alles andere als beliebig. Für eine anschlussfähige gesellschaftliche Kommunikation ist eine Bildung von relationalen Formen erforderlich, also eine feste Kopplung bestimmter Ursachen und bestimmter Wirkungen, die für diejenigen, die die Selektion vornehmen, einen Sinn ergeben (z. B. die Überzeugung, welche Ursachen zu beruflichem Erfolg oder Misserfolg führen oder worin der Erfolg oder Misserfolg im Studium begründet liegt; aufgrund welcher Kommunikationen und Handlungen Vorhaben umgesetzt werden können, usw.). Von der jeweiligen Selektion der Form der Kausalität hängen sowohl die Aussichten auf erfolgreiches Handeln eines Individuums oder einer Gruppe ebenso ab wie das Beobachten der Intentionen anderer (also die Interpretation der Handlungen).

Aus den Beobachtungen der sozialen Praxis lässt sich schließen, dass in Kärnten bei der Konstruktion der Ursache-Wirkungs-Beziehungen der Orientierung an personalisierten sozialen Netzwerken eine bedeutende Rolle zukommt, ja diese möglicherweise gar die zentrale Formenselektion der Kausalität darstellt – wie dies oft in zahlenmäßig kleineren Gesellschaften praktiziert wird, in denen „man sich einfach kennt“. Das heißt konkret, dass wesentliche Erfahrungen im Alltäglichen den persönlichen Beziehungen zu anderen kausal zugeschrieben werden und es undenkbar erscheint, dass eine Person allein aufgrund sachbezogener Aspekte (beispielsweise berufliche oder bildungsbezogene Leistung, rechtliche Ansprüche, allgemeingültige Normen usw.) Entscheidungen treffen oder beruflichen Erfolg verzeichnen könnte. Diese Art der Kausalität passt zu einer primär segmentär differenzierten Gesellschaft und hat sich ganz offensichtlich für die Akteur_innen als adäquate Formenselektion bewährt. Aus einer Gesellschaft kommend, in der andere Formen der Kausalselektion bevorzugt werden, hält diese Praxis einige Hürden bereit, die sich in einer sekundären Bildungseinrichtung wie der Universität vielleicht besonders deutlich zeigen. So erscheint es kaum möglich, als Lehrperson Studierenden einen Hinweis auf Verbesserungsmöglichkeiten ihrer Arbeit zu geben, obwohl sich diese doch in einer Art Ausbildung befinden und von daher bereits klar wäre, dass sie nicht über alle geforderten Kompetenzen und Kenntnisse verfügen. Die „Kritik an der Sache“ wird in der Regel als „Kritik an der Person“ verstanden und es scheint für die Studierenden ausgemacht, dass die Lehrperson sie einfach „persönlich nicht leiden kann“, ansonsten würde sie ihre Arbeit ja nicht kritisieren. Die Verquickung (und Nicht-Trennbarkeit) von Rolle und Person (sowohl auf Studierenden- wie auf Lehrendenseite) erschwert (wenn nicht gar: verunmöglicht) eine sachbezogene, auf Lernerfolge und Bildung abzielende Lehr-/Lernsituation, wie sie an jeder Universität beabsichtigt ist. Hier wird deutlich, dass die Institution Universität mit ihren Methoden und Zielen sich in einer anderen primären Gesellschaftsdifferenzierung entwickelt hat und der Logik einer funktional differenzierten Gesellschaft folgt. In dieser Logik nehmen Studierende und Lehrende eine bestimmte (und voneinander verschiedene) Rolle ein und erfüllen eine bestimmte  (und voneinander unterscheidbare) Funktion; Rolle und Funktion sind nicht mit ihnen als Person deckungsgleich, sondern stellen einen Aspekt ihres weit umfassenderen Rollenrepertoires dar, das in der funktional differenzierten Gesellschaft gefordert ist (Nassehi 1997, S. 123; Schimank 1988, S. 64). Universität und primär segmentär differenzierte Gesellschaft erscheinen daher wie ein innerer Widerspruch, was einige der vielfältigen Problemlagen der Klagenfurter Universität erklären mag.

Die Verquickung von Rolle/Funktion und Person hat neben den Effekten in der Lehr-/Lernsituation noch weitere Bildungsblockaden zur Folge. Im Rahmen einer Lehrveranstaltung, die neben inhaltlichen Aspekten auch Fragen der eigenen Lernkultur und Lernpraxis zum Gegenstand hatte, diskutierte ich mit den Studierenden Texte zu lerntheoretischen Erkenntnissen. In einem Kapitel wurde unter dem Titel „verbreitete Fehlauffassungen“ folgende Liste an Überzeugungen aufgeführt (Lehrl/Sturm 2013, S. 64):

    • „Es gibt Personen mit einem perfekten Gedächtnis, nur ich (Flasche) habe keins.
    • Zum Vorankommen in Schule, Studium und Beruf gehört ein sehr gutes Gedächtnis.
    • Wenn sich ein Schüler (Student, Berufstätiger) Mühe gibt, kann er sich sehr gut und lange konzentrieren.
    • Erfolg im Leben ist eine Angelegenheit der guten Beziehungen.
    • Geistige Leistungsfähigkeit ist vor allem eine Sache der Genetik: Entweder hat man genug davon oder nicht.
    • Wer will, kann alles erreichen.
    • Wer sehr hart arbeitet, bringt es auch weit und kann ein sehr zufriedenstellendes Leben führen.
    • Mit zunehmendem Erwachsenenalter lassen die geistigen Fähigkeiten nach.
    • Es gibt blitzschnelle Denker.
    • Die Kopfarbeit ist unabhängig vom Funktionszustand des Gehirns.
    • Hohe geistige Leistungen sind das Ergebnis einer harten, entbehrungsreichen Erziehung beziehungsweise Vorarbeit.
    • Wer oft an die eigenen Leistungsgrenzen geht, schützt sich vor Altersdemenz.“

Unter dieser Liste „verbreiteter Fehlauffassungen“ stand folgende Erläuterung, die von den Studierenden aufgegriffen und in die Diskussion eingebracht wurde: „Versuchen Sie, die im Kasten dargestellten Fehlauffassungen jeweils durch das Gegenteil zu ersetzen. Dann liegen Sie richtig“ (ebenda). Die Studierenden in der Lehrveranstaltung fühlten sich in ihren Grundüberzeugungen herausgefordert und sahen sich veranlasst, die einzelnen Überzeugungen in der Liste anhand von weiterer Literatur zu prüfen und erklärten anschließend, dass sie der Argumentation durchaus folgen konnten und ihre Grundüberzeugungen noch einmal überdenken wollten. Mit einer Ausnahme: Der Aussage „Erfolg im Leben ist eine Angelegenheit der guten Beziehungen“ stimmten sie aus vollem Herzen zu und es gab keine Möglichkeit, diese Gewissheit zu erschüttern. Als Beleg für ihre Überzeugung führten sie das Beispiel einer Stellenausschreibung des Landes Kärnten an, für das ein qualifizierter Universitätsabschluss der Geographie vonnöten gewesen wäre. Trotz einer großen qualifizierten Bewerber_innenzahl, habe die Stelle eine Friseurin bekommen, die über keinerlei geographische Kompetenzen und Fähigkeiten verfügt. Das Dramatische an diesem Bericht ist, dass es keinerlei Bedeutung hat, ob er auf einer „realen“ Grundlage basiert oder diese entbehrt. Allein, dass diese Erzählung unter den Studierenden der Geographie ganz offensichtlich weit verbreitet ist, reicht aus, dass sie eine Wirkmächtigkeit entfaltet und die Notwendigkeit eines personalisierten Netzwerkes als Selbstverständlichkeit für den beruflichen Erfolg gewertet wird. In der Konsequenz bedeutet dies, dass die Studierenden die Wichtigkeit von Bildungserfolgen (wie einem sehr guten Studienabschluss) sowie eigene Kompetenzen und Fähigkeiten als deutlich geringer einschätzen, als ein personalisiertes soziales Netzwerk. Die Vorstellung, dass allein über Bildungserfolge ein beruflicher Aufstieg möglich sein könnte, wurde von den Studierenden in der Diskussion als „nicht denkbar“ abgelehnt oder mit der Aussage „das glaube ich nicht“ kommentiert. Auch das Anführen von Beispielen von Bildungsaufsteiger_innen, in anderen Kontexten und ohne personalisierte Netzwerke (wie zum Beispiel die Autorin dieses Beitrags), konnte die Grundfesten der Überzeugung der Studierenden nicht im Geringsten ins Wanken bringen. Daraus lässt sich schließen, dass die spezifische Form von Kausalität, die sich aus personalisierten sozialen Netzwerken speist, die Wirkung einer erstaunlichen Bildungsblockade entfaltet. Aus Sicht der Studierenden geht es beim Studium dann nämlich vor allem darum, ihr eigenes personalisiertes soziales Netzwerk zu knüpfen. Diesem Ziel ordnen sie ihren eigenen Studienerfolg unter – das zumindest wäre eine nachvollziehbare Erklärung für das Phänomen, dass viele Studierende nur noch auf „genügend“ hinarbeiten und es nicht mehr darum geht, ein „sehr gut“ oder „gut“ zu realisieren. Für die Kompetenzen und Fähigkeiten der zukünftigen „Bildungselite“ des Landes, die Universitätsabsolvent_innen darstellen, zeichnet das eine düstere Perspektive.

V.
Für eine erfolgreiche Regionalentwicklung braucht es starke Akteur_innen innerhalb der Region, aber auch die Ansiedlung von zukunftsträchtigen und innovativen Unternehmen von außerhalb. Beides setzt eine offene Gesellschaft voraus, die es regionalen Akteur_innen erlaubt, sich zu entwickeln und die gleichzeitig attraktiv für die Ansiedlung von Unternehmen und Arbeitnehmer_innen ist. Eine vorwiegend segmentär differenzierte Gesellschaft wie Kärnten ist beides nicht (weder offen noch attraktiv von außen), sondern hält an (vermeintlich) Bewährtem fest, schließt die Reihen und zeigt sich als stabil veränderungsresistent. Wer zu keinem der personalisierten Netzwerke gehört, erhält nur schwer Zugang und wer keinen Zugang hat, hat keine Chance durch die Hürden der Bürokratie hindurch sein Anliegen zu Gehör zu bringen und erforderliche Genehmigungen oder ähnliches mit einem vertretbaren Zeit- und Energieaufwand zu erhalten.

Die primär segmentär differenzierte Gesellschaft in Kärnten mit der durchgängig zu beobachtenden Tendenz, alles auf die Kern-Unterscheidung (familiär/nicht-familiär)6 zu beziehen und kausal das Erlebte auf personalisierte soziale Netzwerke rückzubinden, bietet ihren Mitgliedern eine Heimat, die eine primär funktional differenzierte Gesellschaft so nicht leisten kann – sie garantiert zwar für jedes Individuum die prinzipielle Teilnahmeberechtigung an allen funktionalen Teilsystemen, schließt sie jedoch gleichzeitig aus der Gesamtgesellschaft aus (vgl. Egner 2002). Diese starke Heimatbindung ist Chance und Risiko für ihre Mitglieder zugleich. Chance, weil sie Orientierung und Halt bietet in einer Welt, die sich durch die stetige Zunahme von Wahlmöglichkeiten und damit verbundenen Kontingenzen auszeichnet (vgl. Luhmann 1992) und dadurch als zunehmend unsicher erlebt wird; Risiko, weil Kindern und Jugendlichen durch die Bindekräfte der Heimat das grundlegende „Handwerkszeug“ dafür fehlt, sich in Gesellschaftsformen mit funktional-differenziertem Primat und damit beispielsweise in weiten Teilen der anderen europäischen Länder zu orientieren und zurechtzufinden. Das stark verbreitete Zögern Kärntner Studierender, sich beruflich außerhalb von Kärnten zu orientieren (oder die Erleichterung, von denen „Rückkehrer“ berichten, die sich für ein Studium beispielsweise nach Wien gewagt haben), mag hierfür ein Indiz sein.7

Die segmentäre Gesellschaft Kärntens bietet für „Zugereiste“ (wie die Autorin) nur wenige Möglichkeiten der Verbeheimatung. Der Bezug auf familiär/nicht-familär als Kernelement dieses Differenzierungsprimats sowie die Notwendigkeit eines starken personalisierten Netzwerkes als Orientierungsrahmen für die Aussicht auf erfolgreiches Handeln lässt als Inklusionsmöglichkeit im Grunde nur Adoption oder Heirat zu (vgl. Luhmann 1998, 634 ff.). Wer bereits verheiratet ist (oder diese Möglichkeit der Verbeheimatung nicht wählen möchte), aber trotzdem Kärnten zu seiner Heimat machen möchte, kann daher nur auf Adoption ausweichen, aber auch das ist recht voraussetzungsreich. Lässt man diese – eher ironischen Gedankenspiele – mal beiseite, hat die Form der segmentären Gesellschaft ganz handfeste Folgen für den Umgang mit Fremden. Die Voraussetzung für ein soziales Miteinander – in der gesellschaftstheoretischen Sprache Luhmanns: für das Einräumen von Kommunikationsmöglichkeiten – ist die Zuschreibung und das Verleihen von Personalität (vgl. Luhmann 1998, 643, Luhmann 1995b). Personalität wird in der Regel dort verliehen, wo die Unsicherheit im Umgang miteinander (systemtheoretisch: doppelte Kontingenz) wahrgenommen wird und zu regulieren ist. Doch führt die Wahrnehmung von doppelter Kontingenz nicht automatisch zur Verleihung von Personalität, denn es gibt Fremde, denen gegenüber man keine Erwartungen bildet, mit denen man also auch nicht kommunizieren kann. Wenn der/dem Fremden kein Personenstatus zugeschrieben wird, ist alles möglich und alles erlaubt. Das ist das Grundmuster der Xenophobie, die auch in Kärnten ihre Blüten treibt und zum Beispiel an der Frage der Ortstafeln (vgl. Kubelka 2015) oder der aktuellen Asyldebatte kondensiert. Allein die Akzeptanz sprachlicher Andersartigkeit wäre ein Ausdruck der Verleihung von Personalität, an die bestimmte Rechte im sozialen Miteinander geknüpft werden können. Legt man ein Verhaftetsein in einer segmentären Differenzierung zu Grunde, wundert die immer wieder in unterschiedlicher Form aufbrechende Xenophobie kaum.

VI.
Was sagt nun dieser Befund einer primär segmentär differenzierten Gesellschaft mit einer kausalen Formenselektion von personalisierten sozialen Netzwerken? Eine soziale Praxis, die an Bewährtem festhält und ihr im Zweifelsfall das Primat gibt, spricht für eine pragmatische und nachvollziehbare Herangehensweise. Allerdings kann diese Praxis sich im Laufe der Zeit als Problem erweisen, nämlich immer dann, wenn ein „Mehr vom Selben“ nicht mehr zu einer Lösung führt, sondern die Lösung (hier: die soziale Praxis der kausalen Formenselektion personalisierter sozialer Netzwerke) selbst zum Problem wird – darauf hat der berühmte Kärntner Psychologe Paul Watzlawick (vgl. Watzlawick et al. 2011) an anderen Beispielen eindrücklich hingewiesen. Niklas Luhmann zeigt sich hinsichtlich der Möglichkeiten gesellschaftlicher Veränderung skeptisch:

„Wenn eine Gesellschaft daran gewöhnt ist, Kausalität in personalisierten sozialen Netzwerken zu lokalisieren und Erfolge bzw. Mißerfolge vom Gebrauch dieser spezifischen Form von Kausalität zu erwarten, wird es schwierig sein, an diesen Bedingtheiten etwas zu ändern, wenn nicht als Ersatz gleichermaßen handliche Kausalformen zur Verfügung gestellt werden können. Mehr Geld und mehr Rechtsvorschriften werden nur dazu dienen, die Wirksamkeit der Kontakte des Netzwerks zu erproben und zu bestätigen“ (Luhmann 1995a, S. 7).

Insbesondere der letzte Hinweis (mehr Geld und mehr Rechtsvorschriften wird die bisherige Praxis nur verstärken) erscheint vor der gegenwärtigen Finanzkrise Kärntens, die gleichzeitig eine massive politische, wirtschaftliche und soziale Belastung darstellt und die aktuelle Landesregierung vor ungeheure Herausforderungen stellt, deprimierend. Waren es doch diese Strukturen und Praktiken, die wesentlich zu der Entstehung der aktuellen Misere beigetragen haben. Aus der Katastrophenforschung weiß man, dass jede Katastrophe auch Chancen in sich birgt: Starke Rupturen öffnen gleichsam „Fenster der Ermöglichung“ (windows of opportunity), die für notwendige gesellschaftliche Veränderungen genutzt werden können. Diese Fenster sind zeitlich begrenzt und für ihre Öffnung bedürfen sie einer sehr starken Ruptur der Normalität. Aktuell scheint die Lage in Kärnten noch keine Katastrophe zu bedeuten – zahlreiche Verantwortliche im Land Kärnten wissen zwar um die Notwendigkeit von Veränderungen, aber noch fehlt der Mut, die notwendigerweise drastischen Entscheidungen zu fällen. Man mag sich nicht wünschen, dass eine Katastrophe kommt, aber den Mut für Veränderungen, den wünscht man sich schon.

Danksagung
Dieser Beitrag wäre ohne zahlreiche Diskussionen zu Teilaspekten und Interpretationsversuchen nicht möglich gewesen. Explizit danken möchte ich den Mitarbeiter_innen des Instituts für Geographie und Regionalforschung sowie der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt für die vielen Trainingsmöglichkeiten zur Überwindung des Fremdheitsgefühls; Roswitha Ruidisch für Diskussionen über die Unterschiede zwischen Kärnten und Bayern; den Studierenden der Geographie in Klagenfurt für Einblicke in Studienmotivationen und Selektionsprozesse im Rahmen des Studiums; Werner Drobesch, der mir meine ersten Beobachtungen einer fehlenden Moderne in Kärnten mit dem Hinweis auf das einzelne Vorhandensein von „partikulären modernistischen Ansätzen“ bestätigt hatte und dieses Essay kritisch kommentiert hat; Horst-Peter Groß für seine ungebrochene Motivation zur Veränderung und seine wiederholten Einladungen zur Entwicklung einer „Landschaft des Wissens“ in Kärnten; Erich Schwarz für erhellende Hinweise aus Sicht der Universität im Umgang mit den Motivationslagen und Selektionsprozessen der Studierenden im Studium; Fritz Palencsar für seine ausführliche Auseinandersetzung mit dem Manuskript und wertvolle Hinweise; aber auch vor allen den Mitgliedern des Forschungscafés an unserem Institut, die den Beitrag mit kritischen Bemerkungen und der Diskussion von Einzelbeispielen begleitet haben: namentlich Philipp Aufenvenne, Kirsten von Elverfeldt, Katharina Kubelka, Michael Jungmeier und Barbara Weißnegger. Diese Liste kann auch als Hinweis auf mein persönliches personalisiertes Netzwerk dienen und als ein Zeichen für die beginnende Verbeheimatung gewertet werden – ganz ohne erneute Heirat oder Adoption.

Epilog
Das Manuskript wurde von den „Mitteilungen der Österreichischen Geographischen Gesellschaft“ ohne eine nachvollziehbare Begründung abgelehnt. Dies ist bedauerlich, da das Manuskript ein sehr österreich-spezifisches Thema aufgreift und eine Diskussion darüber von besonderem Interesse für die österreichische LeserInnenschaft sein könnte. Die raumnachrichten.de bieten eine ausgezeichnete Möglichkeit der wissenschaftlichen Debatte – ich lade daher die Kollegen aus Österreich besonders herzlich ein, die hier geäußerten Beobachtungen und Überlegungen zu kommentieren.

Anmerkungen
1    In einem ganz allgemeinen Sinne meint (Aus-) Differenzierung von Systemen, wenn ein System sich gegenüber der Umwelt ausbildet und eine Grenze zu ihr zieht (vgl. Luhmann 1987, 30 f.). Die Grenzziehung zwischen System und Umwelt sowie die Ausdifferenzierung von weiteren Teilsystemen erfolgt aufgrund von Autopoiesis (d. h. der Selbstherstellung der systemeigenen Elemente) und ist nicht als eine Differenzierung eines Ganzen in komplementäre Teile zu verstehen (vgl. Luhmann 1986). Die innere Differenzierung eines Systems steigert seine Beobachtungsfähigkeit und damit die Fähigkeit, Komplexität zu reduzieren und zu erhalten (vgl. Luhmann 1975, Egner 2006).
2    Komplexität ist ein Begriff, der seit geraumer Zeit intensiv diskutiert wird, jedoch ganz unterschiedlich eingesetzt wird (vgl. Egner 2008). Nach Goldammer und Kaehr vom Institut für Kybernetik und Systemtheorie sind Systeme dann komplex, wenn in ihnen ein Zusammenspiel von hierarchischen und heterarchischen Strukturen zu beobachten ist, d. h. ein Miteinander von unter-, gleich- und nebengeordneten Strukturen. Heterarchische Systeme sind in der Regel selbstreferentiell und entziehen sich einer adäquaten Beschreibung mit Hilfe des klassischen logisch-mathematischen Instrumentariums (Goldammer/Kaehr 1996). Für Niklas Luhmann ist Komplexität „nie ein Seinszustand“ (Luhmann 1970, S. 115), sondern bezeichnet die Relation zwischen System und Welt. In dieser Hinsicht verweist der Begriff Komplexität auf die Gesamtheit möglicher Ereignisse und bedeutet, dass es immer mehr Möglichkeiten gibt, als in einem System gleichzeitig aktualisiert werden können. Es ist gerade dieses Vorhandensein von Komplexität, das zu einer Systembildung führt, indem die Struktur eines Systems aus dem abstrakten Potenzial aller möglichen Relationen nach engen Bedingungen diejenigen Relationen auswählt, die als Beziehungen innerhalb eines Systems zugelassen werden (vgl. Luhmann 1976, S. 941).
3    Dies ist mehr oder minder eine Annahme, die nicht zwangsläufig so stattgefunden haben muss. Es ist in dieser Perspektive nur eindeutig, dass es sich bei der segmentären Gesellschaft „um eine evolutionäre Errungenschaft besonderen Typs [handelt] ... Die Familie bildet eine künstliche Einheit über den natürlichen Unterschieden des Alters und des Geschlechts, und dies durch Inkorporation dieser Unterschiede. Es gibt immer schon Gesellschaft, bevor es Familien gibt. Die Familie wird als Differenzierungsform der Gesellschaft konstituiert, und nicht umgekehrt die Gesellschaft aus Familien zusammengesetzt“ (Luhmann 1998, 634 f.). Daraus folgt, dass „Familie“ in einem erweiterten Sinne gedacht werden kann.
4    Im eigentlichen Sinne bezeichnet der Luhmann’sche Begriff „Gesellschaft“ einen besonderen Typ eines sozialen Systems, da es dasjenige soziale System ist, dass alle Kommunikationen einschließt. Wenn es keine Kommunikationen außerhalb der Gesellschaft gibt, folgt daraus zwangsläufig, dass der Begriff „Gesellschaft“ eigentlich im Sinne von „Weltgesellschaft“ zu verstehen ist. In diesem Beitrag verwende ich „Gesellschaft“ in einem weniger detaillierten Sinne, sondern meine damit auch durchaus regional verortete (und national gebundene) Gesellschaft.
5    Damit wäre Kärnten möglicherweise seiner Zeit voraus und „modern“ in einem ganz anderen Sinne: Niklas Luhmann sagte einmal auf die Frage, welche Differenzierungsform wohl nach der funktionalen Differenzierung käme, dass es vermutlich Segmente sein werden, die jedoch auf Partikularinteressen basieren und weniger die Familie im Blick haben
6    Die Kernunterscheidung familiär/nicht-familiär kann dabei durchaus erweitert und vielleicht als Unterscheidung von „bekannt/nicht-bekannt“ gedacht werden. Es kommt in jedem Fall darauf an, die relevanten Personen zu kennen und benennen zu können.
7    An den ausgezeichneten beruflichen Chancen in Kärnten kann es kaum liegen. Die Möglichkeiten für eine einem Studienabschluss adäquate berufliche Anstellung sind in Kärnten eher gering.


Literatur
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Kieserling, André 1999: Kommunikation unter Anwesenden. Studien über Interaktionssysteme. Frankfurt am Main.

Kubelka, Katharina 2015: Diskursive Produktion und Sedimentierung von Machtverhältnissen in Subjekten am Beispiel des Kärntner Ortstafelstreits. Unveröffentlichte Masterarbeit, Alpen-Adria-Universität Klagenfurt.

Lehrl, Siegfried, Peter Sturm 2013: Brain-Tuning. Schneller - schlauer - konzentrierter. Göttingen.

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Zitierweise:

Heike Egner: Kausalität in Kärnten. Ein Essay über gesellschaftliche Differenzierung, Entwicklungspotenziale und erstaunliche Bildungsblockaden. In: http://www.raumnachrichten.de/diskussionen/1992-heike-egner-kausalitaet-in-kaernten

Kommentare   

#1 B. Backé 2016-09-18 06:50
Sehr geehrte Frau Doktor Egner!

Herr Seger hat mich auf Ihre Abhandlung „Kausalität in Kärnten ...“ aufmerksam gemacht und mir gleichzeitig mitgeteilt, dass die Schriftleitung der „Mitteilungen der ÖGG“ diese nicht angenommen hat. Zu Letzterem will ich mich nicht äußern, da ich die Gründe für die Ablehnung nicht kenne. Ich bin aber gerne bereit, Ihnen die Stränge meiner kritischen Beurteilung Ihrer Ausführungen offenzulegen, auf Ihr Anliegen kurz einzugehen und schließlich einige Randbemerkungen anzufügen.

Wenn Sie die in I. eingeschlagene essayistische Form der Abhandlung und damit die subjektive Stil- und Interpretationsform Ihrer Beobachtungen beibehalten hätten, wäre jegliche wissenschaftliche Kritik an Ihren Ausführungen ins Leere gegangen. Statt dessen haben Sie der essayistisch gehaltenen Einleitung eine dieser Stilform nicht adäquate wissenschaftliche Abhandlung angeschlossen, die sehr wohl einer wissenschaftlichen Kritik zugänglich ist. In dieser haben Sie den Versuch unternommen, Ihre (subjektiven) Beobachtungen anhand, oder besser: mittels (objektiver) gesellschaftstheoretischer Konstrukte wissenschaftlich zu erklären, siehe: „Kausalitäten“ in Kärnten, auch wenn Sie Einschränkungen hinsichtlich der Stringenz der im Beitragstext abgeleiteten und von Ihnen als zutreffend nahegelegten Kausalitäten einführen. „Rätselhaft erlebte“ und im wiss. Kontext nicht exakt-beschriebene Beobachtungen lassen sich nicht auf wiss. Weise entschlüsseln.

Es wäre äußerst amüsant und interessant gewesen, hätten sie, im Modus des Essays fortfahrend, Ihre Beobachtungen, insbesondere die Testresultate der studentischen Befragung, den abstrakten, am Schreibtisch entworfenen gesellschaftstheoretischen Konstrukten in der Form „es liegt nahe ...“ gegenübergestellt und Ihre (subjektiven) Schlussfolgerungen (nicht Kausalitäten!) daraus gezogen! Dann wäre Ihr Text wissenschaftlich unangreifbar gewesen. Einer nichtwissenschaftlichen Gegenrede wäre das Tor offengeblieben.

Die in Ihrem Beitrag enthaltene wissenschaftliche Abhandlung muss aber als solche und nicht als Essay oder als subjektive Entschlüsselungsmethode Ihrer Beobachtungen beurteilt werden. Dass Sie dieser Ihrer Abhandlung wissenschaftlichen Charakter zuordnen, erschließt sich entsprechend der Konstruktelemente, die Sie im Text zur Bestätigung Ihrer vorgefundenen Beobachtungen bemühen und nicht zuletzt anhand der Fülle der im Literaturverzeichnis zitierten Beiträge ein- und desselben Autors. Eine solche Vorgehensweise ist der Form eines Essays fremd, wohl aber wäre es erlaubt, auch in der subjektzentrierten Stilform derartige Inhalte einzubeziehen. – Fazit: Sie haben in Ihrem Aufsatz die Bruchlinie zwischen Esssay und wissenschaftlicher Abhandlung ignoriert und beide Betrachtungsformen miteinander vermengt. Folglich müssen Sie eine wissenschaftliche Kritik des wiss. Teils akzeptieren und auch wohl oder übel die Entscheidung der Schriftleitung einer wissenschaftlichen Zeitschrift.

Unabhängig von meinen vorstehenden Ausführungen kann ich Ihr Anliegen und Ihren Erklärungsnotstand im Hinblick auf Ihre Beobachtungen an der Uni. verstehen und auch entsprechend meiner eigenen Erfahrungen nachvollziehen. Rein rational werden Sie Ihr Anliegen entsprechend Ihrer These „Universität und primär segmentär differenzierte Gesellschaft erscheinen daher wie ein innerer Widerspruch“ nicht lösen können; vielmehr müssen Sie darüber nachdenken, ob Ihre eigene wissenschaftliche Sozialisation nicht in einem (totalen) Widerspruch zu den von Ihnen hier vorgefundenen Beobachtungen steht und daraus Ihre (emotionale) Entscheidung hinsichtlich einer Verbe- oder Entheimatung ableiten. Wünschenswert aus meiner Sicht wäre Ihre Entscheidung für eine Verbeheimatung, so wie ich sie schließlich getroffen und nicht bereut habe. Das heißt natürlich nicht, dass ich mich mit den hier vorgefundenen Verhältnissen voll einverstanden erklärt habe. Ich habe aber versucht, sie zu verbessern. Dies scheint mir anhand der Rückmeldungen meiner ehemaligen Studenten geglückt zu sein. Mehr kann man hier nicht erreichen.

Gestatten Sie mir abschließend noch einige Randbemerkungen, die mittelbar mit Ihrer Schrift zusammenhängen und die ich als meine persönlichen Eindrücke verstanden wissen will.

Die Suche nach Erklärungen für Ihre (persönlichen) Beobachtungen entbehrt einer geographischen Problemstellung. Nehmen Sie die Beobachtungen (persönlich) hin und haken Sie deren Inhalte ab und konzentrieren Sie sich auf die Vermittlung geographischer Inhalte in Lehre und Forschung.

Vermeiden Sie tunlichst gegenüber der Wissenschaftsgemeinde den Eindruck einer ausgeprägten (einseitigen) Theoriegläubigkeit. Es gibt keine Welterklärer. Auch N. Luhmann ist keiner. Welterklärung und Realitätsferne sind miteinander verwandt. Sie haben anscheinend die Kritik am funktionalistischen Ansatz Luhmanns nicht zur Kenntnis genommen.

Last but not least: Im wissenschaftlichen oder essayistischen Alltag sollte man die Genderformulierung „..innen“ vermeiden und nur dort verwenden, wo sie im wiss. Kontext erforderlich ist, d.h. eine Merkmalsdifferenzierung vornehmen muss. Vielleicht erleichtert Ihnen ein Verzicht darauf der Umstand, dass Sie z.B. auch Säuglinge als „Einwohner_innen“ mitgemeint haben. D.h., Sie hätten im Text auch eine Differenzierung nach dem Alter vornehmen müssen, nicht nur nach dem Geschlecht.

Abschließend stelle ich fest, dass ich gerne Ihre Einladung zur Kommentierung der von Ihnen gemachten Beobachtungen und mutig, weil offen geäußerten Überlegungen gefolgt bin, obwohl Sie diese nicht persönlich, sondern nur „funktional-kommunikativ“ ausgesprochen haben, woran Sie erkennen können, dass ich mich selbst der primär segmentär differenzierten und nicht der funktionalen Ausprägung zugehörig fühle.

Mit herzlichen Grüssen
Ihr
B. Backé
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