Wilfried Heller (Hg.): Identitäten und Imaginationen der Bevölkerung in Grenzräumen. Ostmittel- und Südosteuropa im Spannungsfeld von Regionalismus, Zentralismus, europäischem Integrationsprozess und Globalisierung. Münster 2011. 299 S.

Überkommene Denkmuster mit West-Ost-Dichotomien - der so genannten Mauer in den Köpfen - sind im Alltag verbreitet anzutreffen; in der Wissenschaft haben sie keinen Platz, zumindest nicht in der vorliegenden Publikation, die Wilfried Heller als überarbeitete Fassung von Vorträgen eines Bukarester Symposiums (Juni 2010) herausgab.

 

Der Band ist sehr klar gegliedert. Nach einer kurzen Einführung werden theoretische und empirische Aspekte zu lokalen und regionalen Identitäten präsentiert. Sie bilden die Metaebene für die folgenden Beiträge und ermöglichen die Systematisierung der unterschiedlichen Fallbeispiele. Als einfache Grenzräume werden Territorien an Binnengrenzen der EU bezeichnet; drei Fallstudien (Westböhmen (CZ), Görlitz (D)/Zgorzelec (PL), Komárom (H)/Komárno (SK)) zeigen mit sehr feinen Linien und hochdifferenziert ganz unterschiedliche Perspektiven. Als doppelte Grenzräume werden Gebiete bezeichnet, die an einer staatlichen und zugleich an der EU-Außengrenze liegen; Beispiele aus Masuren (PL/RUS), aus Moldawien (MD/RO) und aus dem Banat (RO/SRB) verdeutlichen mit ihrer Detailliertheit und Individualität die unterschiedlichen, jeweils eigenen Problematiken. Als Interferenzräume werden schließlich Überlagerungsgebiete innerhalb staatlicher Einheiten bezeichnet, die sensu stricto nicht als Grenzregionen firmieren, in denen jedoch Grenzen und regionale Identitäten in besonderer Weise gemacht, erfahren und erlebt werden. Dies erläutern Fallbeispiele aus Kaschubien, Makedonien, Transnistrien, Weißrussland, der Ukraine und der Türkei.

Nicht zu Unrecht liegt der sachliche Schwerpunkt auf Ostmittel- und Südosteuropa. Hier gab es bis zum Ende des Ersten Weltkriegs große, multiethnische Staaten (Österreich-Ungarn, Osmanisches Reich, Zaristisches Russland). Nationalstaaten kamen erst nach dem Untergang der alten Mittel-/Großmächte und in häufig wechselnden Grenzen auf. Die zentrale Frage, die wie ein roter Faden das Buch durchzieht, zielt darauf, ob und wie Grenzräume - nirgendwo in Europa gibt es mehr als hier - die Identitäten zu beiden Seiten der Grenze verändern oder ob es vielleicht in dem einen oder anderen Fall auch grenzüberschreitende Identitäten gibt - z.B. im polnisch-russischen Masuren. Die Antworten fallen nie plakativ aus: Identitäten werden gemacht, sie werden angenommen oder abgelehnt, sie dienen bestimmten Zwecken und können verfallen, wenn sie inopportun oder nicht alltagstauglich sind. Das Spektrum ist groß, die im Buch präsentierten 14 Fallbeispiele, die hier nicht einzeln vorgestellt werden können, lassen keine einfache Regel erkennen; sie bilden, metaphorisch ausgedrückt, kein Muster aus schwarzen und weißen Farben, sondern zeigen eine Palette an Grautönen. Identitäten und Grenzen sind Konstrukte, wie sich bei jeder Einzeluntersuchung herausstellt. Dies lässt sich mit zusätzlichen Fallbeispielen, die den Rahmen des Bandes sprengen würden, weiter vertiefen: Roma im Kosovo, Makedonier in Griechenland, Muslime in Polen, Griechen in Rumänien, Pomaken in Bulgarien oder Kroaten in der Slowakei deuten an, wie leicht die Liste verlängert werden kann.

Die Autoren sind international (Deutschland, Polen, Rumänien, Ukraine) und entstammen verschiedenen Disziplinen (Geographie, Kulturwissenschaften, Anthropologie, Soziologie, Geschichte, Linguistik, Psychologie); sie bringen ihre jeweiligen Stärken gekonnt ein und zeichnen dadurch ein facettenreiches Bild, versäumen es jedoch mehrfach, die eigene Grenze (des Faches) zu überschreiten und den Kenntnisstand benachbarter Disziplinen zu rezipieren. Das ist schade! Dennoch: Das Buch füllt eine eklatante Lücke, indem es Prozesse und Entwicklungen sichtbar macht, die als Zuschreibungen subtil und oft in scheinbar kommunikationsfreien Räumen verlaufen, die verschwiegen werden, die nicht hinterfragt werden, die kaum nach außen gelangen.

Das Fazit klingt widersprüchlich: Europa wird mit dem Prozess der Europäisierung immer komplizierter! Das liegt hauptsächlich daran, dass es zuvor unterkomplex gesehen wurde. Erst nach tieferer Einarbeitung erscheint z.B. Moldawien plötzlich nicht weniger komplex als Hessen, dessen ungefähre Größe es hat. Komplexität und Heterogenität sind zudem bei individualisierten Gesellschaften in hohem Maße zu erwarten und alles andere als bedrohlich.
Johann-Bernhard Haversath

Quelle: Erdkunde, 66. Jahrgang, 2012, Heft 1, S. 84-85

 

bitte beachten Sie auch die Besprechung auf raumnachrichten.de von Pascal Goeke

und von Wim van Meurs auf recensio.net

 

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