Luisa Vogt: Regionalentwicklung peripherer Räume mit Tourismus? Eine akteur-und handlungsorientierte Untersuchung am Beispiel des Trekkingprojektes Grande Traversata delle Alpi. – Erlangen: Selbstverlag der Fränkischen Geographischen Gesellschaft 2008. (= Erlanger Geographische Arbeiten, Sonderband 38.) 412 S.

EIN GEWICHTIGES BUCH. ABER LEIDER NICHT FÜR DEN RUCKSACK

Ganz sicher kann man ein gutes Buch mehrmals lesen. Immer wieder wird es so sein, dass man das gerne noch einmal zur Hand nimmt, was man als anregende, spannende oder erkenntnisreiche Lektüre in Erinnerung hat. Das gilt gewiss auch für wis-senschaftliche Publikationen, die häufig ohnehin des wiederholten Nachschlagens und Lesens bedürfen. Wie oft habe ich wichtige Bücher mehrmals gelesen! Aber kann man ein Buch – zumal binnen kurzem – zweimal rezensieren? Macht es Sinn, dass ich mich derselben Publikation nach einigen Monaten noch einmal annehme – nur weil meine Besprechung nun an eine andere Fachzeitschrift adressiert ist? Kann ich dieses zweite Mal wirklich noch etwas Neues sagen?

 

Neuerlich nehme ich die Erlanger Dissertationsschrift von Luisa VOGT zur Hand, um den Versuch einer wiederholten Rezension zu wagen. Nach einer siebentägigen Hochgebirgswanderung durch die Cottischen Alpen entlang der Grande Traversata delle Alpi, kurz GTA, lese ich das Buch der jungen Kollegin noch einmal als die ebenso theoretisch wie methodisch fundierte Falstudienuntersuchung, wie ich sie an anderer Stelle schon gewürdigt habe (Die Erdkunde 64, Nr. 1). Indes hat sich meine primär auf die eigene wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Themenfeld der Peripherieforschung stützende Beurteilung um eine alltagsweltliche Perspektive maßgeblich erweitert – und darüber auch ein Stück weit differenziert.

Anhand einer wahrlich am Rande unseres Kontinents lokalisierten Fallstudie in den pietmontesischen Alpen, eben jener GTA, des großen Weitwanderweges von der Küste des Ligurischen Meeres bis an den Fuß des Monte Rosa, den schon Werner Bätzing, der Erlanger Doktorvater der Verfasserin, hierzulande wiederholt thematisiert hat, anhand also dieser lange Zeit als Inbegriff eines sanften Tourismus bemühten Trekkingroute geht Luisa VOGT in einer empirischen Untersuchung der Frage nach, inwieweit sich der Tourismus tatsächlich als Leitökonomie benachteiligter ländlich-peripherer Räume, die über ein attraktives Landschaftsbild verfügen, eignen kann. Diese wiederholt und häufig allzu naiv konstatierte Rolle des Tourismus ausgerechnet am Beispiel der GTA zu reflektieren, dürfte für die Erlanger Dissertantin kaum ein Zufall gewesen sein. Ihre ausgezeichneten italienischen Sprachkenntnisse, vor allem aber das Gespür der Verfasserin für einen bis heute nicht abgeschlossenen „Fall“ dürften das ihre dazu beigetragen haben. Und nur so war es Luisa VOGT möglich, in einer der abgeschiedensten und am stärksten von Abwanderung, Überalterung und Siedlungsverfall betroffenen Regionen des Alpenraumes, einer „klassischen Peripherie“ schlechthin, das Projekt einer akteursorientierten Untersuchung zu realisieren, die nicht mehr und nicht weniger als Klarheit hinsichtlich der erhofften oder unterstellten Wirkungen dieses und anderer sanfter Tourismusprojekte für die Regionalentwicklung im Alpenraum (und darüber hinaus) zu gewinnen versucht.

Die von Luisa VOGT entwickelte Argumentationslinie ist ebenso einfach wie anspruchsvoll: Unter dem Vorzeichen einer fortschreitenden Wachstums-und Innovationsorientierung sind strukturschwache ländlich-periphere Räume mehr noch als zuvor darauf angewiesen, sich auf der Basis ihrer eigenen, d.h. endogenen Ressourcen zu entwickeln. Gerade für einen Großteil der alpinen Peripherien stellt sich die Frage, inwieweit der Tourismus diese Rolle tatsächlich übernehmen kann. Globale Konkurrenz, größere Reiseerfahrungen und gewachsene Ansprüche der Urlauber, aber auch veränderte Anforderungen an ein modernes Destinationsmanagement markieren dabei wesentliche Rahmenbedingungen, unter denen sich touristische Entwicklungen heute vollziehen. Hinzu treten die speziellen Marktstrukturen des Wanderund Trekkingtourismus, der eines von mehreren Segmenten des alpinen Sommertourismus darstellt. Inwieweit angesichts dessen ein Tourismusprojekt wie das der GTA die Ansprüche einer Leitökonomie für die Peripherie erfüllen kann und welche Faktoren die Wettbewerbsfähigkeit eines solchen Projektes dabei bestimmen, sind die zentralen Fragestellungen der vorliegenden Arbeit.
 
Keineswegs ganz zufällig sind vier FreundInnen und ich im vergangenen September ausgerechnet zu einer Wanderung auf einem Teilstück der GTA aufgebrochen. Nach der Sichtung diverser Wanderführer, gab die Lektüre von Luisa Vogts Dissertation am Ende den Ausschlag für eine Tour von Hütte zu Hütte entlang der Grande Traversata delle Alpi. Die frischen Erinnerungen werden durch bizarre Bergformationen, den Duft der Arvenwälder, große Stille und einen unbeschreiblich blauen Himmel dominiert. Vor dieser imposanten alpinen Kulisse reihen sich die einprägsamen Gesichter einer Reihe von Einheimischen, denen wir in einer Woche begegnet sind: Männer und Frauen, die mit der Bewirtschaftung von Hütten beschäftigt sind, PächterInnen und deren Angestellte, Betreiber kleiner privater Unterkünfte, sog. Posto tappa, Besitzer eines örtlichen Cafes oder Albergo, Bergführer, Taxiunternehmer und andere. Diese Menschen repräsentieren einen bedeutsamen Teil just jener Akteure, die Luisa VOGT in den Fokus ihres Dissertationsvorhabens gerückt hat. Unerwarteterweise hat so eine bedeutsame Gruppe von Menschen auch für mich Namen und Gesicht bekommen und vermittelt sich mir darüber ein weitaus konkreteres Bild der lokal-regionalen Akteurskonstellationen und Handlungslogiken als allein über die Lektüre der zu rezensierenden Publikation.

Zur Verdeutlichung: Die Untersuchung von lokal-regionalen Akteuren, wie sie Luisa VOGT durchgeführt hat, folgt einer Forschungsheuristik, die sich am analytischen Ansatz des akteurzentrierten Institutionalismus nach Mayntz und Scharpf orientiert; dieser versucht, kurz gesprochen, politische Prozesse über die Interaktionen von Akteuren mit spezifischen Handlungsfähigkeiten und Handlungsorientierungen aufzudecken. Kaum zu übersehen ist die wachsende Konjunktur, die die Adaption dieses akteur- und handlungsorientierten Untersuchungsansatzes aus den Politikwissenschaften seit einiger Zeit in der Humangeographie erfahren hat. Im Gegensatz dazu sind Beispiele gelungener empirischer Untersuchungen, die sich explizit auf diesen Ansatz stützen, nach wie vor vergleichsweise rar. Mittels mehr als 100 Leitfadeninterviews mit Experten, GTA-Gastwirten und GTA-Urlaubern sowie einer strukturierten schriftlichen Befragung von rund 300 GTA-Trekkingtouristen hat Luisa VOGT für den ausgewählten südlichen Teil der Trekkingroute die Akteurskonstellationen und Handlungslogiken aller – potenziell – involvierten Akteure herausgearbeitet, um auf dieser Datenbasis die heutige „Funktionsweise“ der GTA zu erschließen und zu erklären.

Zu den augenfälligen Ergebnissen der umfangreichen empirischen Erhebungen gehört ein Befund, dessen Problematik sich selbst dem Wanderurlauber über seine persönlichen Eindrücke vermittelt: Ausgesprochen gegenläufig verhalten sich die beteiligten Akteure vor Ort, die touristischen Anbieter in Form von Klein- und Kleinst-Gastwirten, gegenüber der Trekkingroute. Nicht nur verfügen diese über ausgesprochen unterschiedliche individuelle Handlungsressourcen, sondern begegnen diese dem Projekt der GTA auch mit sehr unterschiedlichen Handlungspräferenzen, die sich nach dem Grad der Marktorientierung, vor allem dem Grad des strategischen Den-kens, aber auch der Qualität der angebotenen Leistungen und dem Grad des Interesses an der GTA unterscheiden. Hat ein sympathisches junges Ehepaar erst vor wenigen Jahren mit Unterstützung der Kom-mune und gefördert mit EU-Geldern das alte Forsthaus am Lago Bagnour zu einem schmuckvollen Rifugio ausgebaut, zwischen dessen hölzernen Wänden sich nicht nur wunderbar erholsam rasten, sondern auch eine hervorragende regionale Küche erleben lässt, begegnet dem Wanderer andernorts die spröde Funktionalität einer umgebauten Kaserne, in der die Wirtsleute bald nach 20 Uhr die Bewirtung einstellen. Wird dort mit der GTA geworben, Informationsmaterial angeboten und auf Besonderheiten von Natur und Landschaft aufmerksam gemacht, ist hier so gut wie keine Beziehung zur GTA und ihren Potentialen erkennbar. Weitere Beispiele für die extrem heterogene Affinität zur GTA und ihren Potentialen ließen sich leicht benennen.

Solch unterschiedliche Erfahrungen werden ihre Wirkung auf die Besucher der Region schwerlich verfehlen. Ohnehin ist die GTA, so kann Luisa VOGT anhand ihrer Erhebungen aufzeigen, Urlaubsziel sehr unterschiedliche Gästetypen, die sich nach ihren Hauptinteressen in Form konsumierter Produkte und Leistungen sowie der Zufriedenheit unterscheiden lassen. Ohne hier näher auf die interessanten Details der unterschiedlichen Präferenzen von Öko-, Sport- oder Komfort-Trekkinggästen eingehen zu können, ist vor allem die letztlich begrenzte ökonomische Wirkung des Tourismus bemerkenswert. Unterschieden werden können hierbei tangible und intangible Effekte. Erstere sind für einzelnen Betriebe durchaus wichtig, auf einer regionalen Ebene sind sie jedoch irrelevant, was sich allein aus der geringen Zahl von dokumentierten Übernachtungen in den Unterkünften entlang der GTA erklärt. Dies deckt sich auch mit den eigenen Eindrücken: Selten bin ich in den Alpen in so großer Einsamkeit gewandert, habe einen Tag lang wirklich keinen Menschen getroffen. Mag der September eine späte Zeit des Jahres markieren; in den meisten Hüttenbüchern, von wenigen Ausnahmen abgesehen, waren auch für die übrige Zeit des Jahres keineswegs deutlich mehr Besuche dokumentiert. Das ließe womöglich auch Rückschlüsse auf die begrenzten intangiblen Effekte zu, also insbesondere die Imagewirkung der GTA und ihre Rolle für die Identifikation von Anbietern wie Nachfragern. Unbestritten ist gleichwohl die Katalysatorfunktion der GTA, ohne die in den pietmontesischen Alpen vermutlich überhaupt kein Trekkingtourismus entstanden wäre.

Vor diesem Hintergrund erweist es sich als besonders nachteilig, dass sich für die GTA, so die Verfasserin, eine auffällige Absenz relevanter exogener tourismusstrategischer Akteure auf der regionalen Ebene konstatieren lässt, die für den Aufbau eines professionellen Destinationsmanagements fehlen. Namentlich die Provinzregierung und die regionale Tourismusagentur erweisen sich als ausgesprochen distanziert. Gerade angesichts der identifizierten Heterogenität der touristischen Akteure auf der lokalen Ebene wäre aber der Einfluss solcher exogenen Akteure mit ausreichenden Handlungsressourcen und entsprechenden Handlungspräferenzen von großer Bedeutung, um die erforderlichen Steuerungsaufgaben zu übernehmen. Fehlt es an dieser Form der Hilfestellung, können endogene touristische Potenziale für ländlich-periphere Regionen wie die des Pietmont kaum oder gar nicht erfolgreich in Wert gesetzt werden und werden regionale Entwicklungsprojekte im Mikromaßstab, wie sie die GTA bis dato repräsentiert, schwerlich einen langfristigen Beitrag zur Regionalentwicklung leisten können.

Auch wenn dies schon vielfach zuvor vermutet wurde, erst mit der vorliegenden Arbeit von Luisa VOGT ist nunmehr auch empirisch belegt, wie schwach sich ein so ambitioniertes Tourismusprojekt wie die GTA auch nach vielen Jahren ausnimmt. Die Ernüchterung darüber bereitet mir, dem begeistert von seiner Wanderung durch die Cottischen Alpen zurückgekehrten Wanderer, Kopfzerbrechen: Um wie viel nüchterner, sprich realistischer müssen wir fortan die Chancen ländlicher Peripherien abschätzen, auf der Basis des Tourismus Perspektiven für eine nachhaltige Regionalentwicklung zu gewinnen. Und einmal mehr bleibt ein Stück weit unklar, wie sich endogene Potentiale für den Tourismus erfolgreich in Wert setzen lassen, welche Rollen dabei privaten und staatlichen Akteure im „Tourismus-Spiel“ zukünftig zufallen und welcher Steuerungsinstrumente es bedarf, um die entsprechende Entwicklungsprozesse einzuleiten und dauerhaft zu sichern. Für die notwendige Fortsetzung des Diskurses über diese Fragen erweist sich, so zeigt die Lektüre dieser Dissertationsschrift, ein akteur- und handlungsorientierter Forschungsansatz als besonders wertvoll. Ohne den materiellen und zeitlichen Aufwand, der sich mit der vorliegenden Arbeit zweifellos verbindet, übersehen zu wollen, liest sich diese auch als ein Programm für weitere Untersuchungen nach ihrem Vorbild. Voraussetzung dafür wäre allerdings ein theoretisch-methodisches Forschungsdesign, das so konsistent angelegt ist wie das der vorliegenden Arbeit. Und es bräuchte weitere Forscherinnen und Forscher, die so engagiert und reflektiert sind und derart systematisch wie sensibel mit ihrem Forschungsgegenstand umzugehen vermögen wie Luisa Vogt.
 
Gerne resümiere ich auch meine zweite Rezension von daher mit der Feststellung, dass Luisa VOGT mit ihrer Dissertation ein ausgesprochen wichtiges Buch geschrieben hat. Dessen Qualitäten sind offensichtlich: Es eröffnet gleichermaßen neue Perspektiven für die Alpenforschung wie für die geographische Peripherieforschung und die Geographie ländlicher Räume insgesamt. Insbesondere methodisch interessierte LeserInnen werden daraus großen Gewinn ziehen, da ihnen mit dem vorliegenden Buch ein anschauliches Beispiel für die konkrete Umsetzung einer akteursorientierten Untersuchung präsentiert wird. Selbst als Anregung und Hintergrundlektüre für den nächsten Bergurlaub kann ich die vorliegende Publikation aus eigener Erfahrung bestens empfehlen. Keine Frage: Luisa VOGT hat ein gewichtiges Buch geschrieben. Mit 412 Seiten wiegt es ein knappes Kilo. In den Rucksack des sparsam kalkulierenden GTA-Wanderers gehört es damit wohl eher nicht. Nicht einmal den des sportlichen Typs. Leider.
Ingo Mose, Oldenburg

Quelle: Berichte zur deutschen Landeskunde, Bd. 85, H. 3, 2011, S. 315–318

weitere Besprechungen zum Buch von Luisa Vogt:

http://www.raumnachrichten.de/rezensionen/1535-luisa-vogt-regionalentwicklung-peripherer-raeume-

http://www.raumnachrichten.de/rezensionen/1414-periphere-raeume

 

 

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