Veronika Deffner: Habitus der Scham – die soziale Grammatik ungleicher Raumproduktion. Eine sozialgeographische Untersuchung der Alltagswelt Favela in Salvador da Bahia (Brasilien).  Passau (Passauer Schriften zur Geographie 26) 2010. 221 S.

Die 2010 erschienene Dissertation von Veronika Deffner beschäftigt sich mit der Alltagswelt Favela an ausgewählten Beispielen der nordostbrasilianischen Regionalmetropole Salvador da Bahia. Ausgehend vom Phänomen sozialer Ungleichheiten in brasilianischen Metropolen widmet sich Veronika Deffner der Betrachtung der sozialen Konstruktion ungleicher Raumstrukturen in Salvador da Bahia. Die Grenzziehungen und Konflikte zwischen ‚arm und reich‘ bzw. ‚Unterklasse‘ und ‚Oberklasse‘ und deren räumliche Zuordnung in Favela und Nicht-Favela stehen dabei im Mittelpunkt der Analyse.

Die Untersuchung konzentriert sich dementsprechend auf zwei innerstädtische Favelas und deren wohlhabendes Umfeld. Der alltagsweltliche empirische Zugang Deffners fokussiert soziale Grenzgänger und deren alltägliche Praktiken, die zwischen diesen zwei Lebenswelten pendeln. Zentraler Punkt ist die Thematik der Eigen- und Fremdwahrnehmung dieser Pendler_innen, deren Ausführungen in Zitaten über die Lebenswelt Favela viel Raum gegeben wird. Theoretisch verknüpft ist dieser Zugang mit den Ideen Lefebvres (hier vor allem Kritik des Alltagsleben und die Produktion von Raum) sowie dem Habitus-Konzept bzw. der Theorie der Praxis Bourdieus. Zahlreiche weitere Bezugspunkte aus dem Bereich der Ungleichheitsforschung, Anerkennungstheorien und philosophisch-psychologischer Ansätze ergänzen diese „klassischen“ Konzepte und liefern die Grundlage für Deffners Konzeption einer „Geographie sozialer Ungleichheit“, welche gezielt den Raum als (re-)produzierende Ungleichheitsdimension und im Falle der Alltagswelt Favela als schamzentrierte Raumproduktion herausarbeitet.

Disziplinär positioniert sich Deffner in einer Kombination aus den Bereichen Geographischer Entwicklungsforschung, Politischer Geographie, Kritischer Stadtforschung und handlungszentrierter Sozialgeographie. Dies wird besonders in der empirisch-qualitativen Herangehensweise (Grounded Theory, narrative Interviews, teilnehmende Beobachtung etc.), aber auch im Rückgriff auf die zentralen Theorien Bourdieus und Lefebvres deutlich. Deren Thesen und Ansätze werden für den Kontext der Arbeit passend und fundiert aufgegriffen. Die Ableitung eines für die Arbeit zentralen konstruktivistischen Klassenbegriffs erfolgt in Bezug auf Bourdieu als sozial hergestellte Entität. In Folge dessen teilt Veronika Deffner die urbane Gesellschaft Salvador da Bahias in eine ‚Unterklasse‘ einerseits und andererseits in eine zusammengefasste ‚Mittel- und Oberklasse‘ ein, die sie automatisch auch einer Innen- bzw. einer Außensicht von Favela zuordnet. Die damit verbundene vorab stattfindende Setzung einer Differenz entlang von Klassen- bzw. Stadtviertelgrenzen ist jedoch unseres Erachtens konzeptionell nicht ausreichend begründet und könnte die Gefahr einer Fehlinterpretation bergen – ein Zweifel unsererseits, der sich auch im weiteren Verlauf der Arbeit nicht wirklich ausräumen lässt.

Bei der Einordnung der Arbeit in den sozialwissenschaftlichen Kontext u.a. der Ungleichheitsforschung verweist Deffner auf ein Defizit kritischer Ansätze in Brasilien. Hier wirkt Ihre Argumentation jedoch nicht wirklich schlüssig, da wichtige kritische Stadtforscher_innen/kritische Stadtgeograph_innen (wie Marcelo José Lopes de Souza, Carlos Walter, Raquel Rolnik und viele andere) im Rahmen der Arbeit nicht oder nur randlich beachtet werden. Die gerade an brasilianischen Universitäten diskutierten Ansätze Kritischer (Stadt-)Forschung (von libertären, marxistischen, poststrukturellen, aktivistischen bis hin zu anarchistischen Ansätzen) könnten jedoch durchaus fruchtbare Anknüpfungspunkte für die Arbeit Deffners bieten.

Neben den ausführlichen theoretischen Darlegungen findet in Kapitel 4 und 5 eine Kontextualisierung der regionalen Fallstudie über einen Einblick in die Geschichte Brasiliens und in die Entwicklung der Stadt Salvador statt. Hier stellt Veronika Deffner vor allem den Zusammenhang zwischen Macht und Ungleichheit im Kontext der Urbanisierung Brasiliens deutlich heraus, indem sie die (gesellschaftliche) Bedeutung des kolonialen Erbes, aber auch postkoloniale Kontinuitäten gezielt herausarbeitet. Gerade auch in diesem Kontext wirkt es jedoch etwas befremdlich, dass ausgerechnet bei diesem Thema fast ausschließlich deutschsprachige/europäische Autor_innen zur brasilianischen „Geschichtsschreibung“ herangezogen werden.

Die Analyse der empirischen Daten in den Kapiteln 6 und 7 bildet den Kern der Arbeit und besteht im Wesentlichen aus der Interpretation der codierten Interviews, die Veronika Deffner mit umfangreichen Zitaten untermauert. Hieraus leitet sie einen defensiven Habitus ab, der als Ergebnis von subtilen Unterdrückungsmechanismen gesehen werden kann und der von den Favela-Bewohner_innen unbewusst als Strategie gewählt wird, um Beschämungserfahrungen zu entgehen. Mit dieser internalisierten und naturalisierten sozialen Exklusionslogik können – so die Argumentationslinie – gerade die herrschenden Klassen soziale Ungleichheiten aufrechterhalten, ohne direkt Macht auszuüben. Durch die Verknüpfung gesellschaftlicher Rahmenbedingungen – insbesondere in ihren Ausführungen zu segmentierten Arbeitsmärkten, zum diskriminierenden Schulwesen oder zum Rassismus in Brasilien – mit den persönlichen Erfahrungswelten der Favela-Bewohner_innen und der Gegenüberstellung von Statements von Vertreter_innen der Mittel- und Oberschicht stellt Veronika Deffner damit sehr treffend die tiefe Verwurzelung sozialer Ungleichheiten in der brasilianischen Gesellschaft dar. Gleichzeitig aber sehen wir jedoch die Gefahr durch die Interpretation der Aussagen der Favela-Bewohner_innen als unbewusste Strategie des Selbstschutzes zumindest teilweise zu einer Entmündigung der Subalterne beizutragen – ein Prozess den die Autorin ja gerade mit ihrer Arbeit aushebeln wollte. Auch die Feststellung, dass sich durch sozialen Neid und horizontale Diskriminierung keine sozialen Bewegungen und kollektive Solidarität in Favelas bilden könnten, kann unserer Meinung nicht mit aktuell beobachtbare Prozessen, mit bestehenden sozialen Bewegungen und existierenden Widerstandsstrukturen gerade in Favelas in Einklang gebracht werden. Hier stellt sich die Frage, in wie weit diese durch Veronika Deffners Argumentation negiert oder für unmündig erklärt werden.

Das Resümee zum Kapitel 7 fasst diese Beobachtungen nochmals zusammen: Die Beschämung bildet ein Instrument der Herrschaftssicherung. Soziale Scham sichert darüber hinaus die normative und soziale Kohäsion von Subalternen wie von Herrschenden. Diese in philosophisch-psychologische Fachdisziplinen vordringenden Ausführungen bringen nochmals eine völlig neue Dimension in die Interpretation der Alltagswelt Favela, die durchaus als bereichernd zu betrachten ist, thematisiert sie doch die Wirkmächtigkeit gesellschaftlich-dominanter Normen, die bis in die persönliche Sphäre des Selbstwertgefühls vordringt und in der brasilianischen Leistungsgesellschaft die Wahrnehmung von (scheinbar) selbstverschuldeten Defiziten in ein Unterlegenheits- und Minderwertigkeitsgefühl übersetzt, was wiederum die Hinterfragung herrschender Machtverhältnisse gar nicht erst aufkommen lässt.

Im Schlusskapitel verknüpft Veronika Deffner die Einzelergebnisse und betont nochmals, dass objektive Ungleichheitsstrukturen und ungleiche Verwirklichungsmöglichkeiten über den Weg der Verinnerlichung und Naturalisierung zu Dispositionen der Favela-Bewohner_innen führen, die auf individueller Ebene in Praktiken der Subordination und Herrschaftssicherung münden und damit einen Habitus der Scham hervorbringen, der seinerseits die ungleichen Machtstrukturen reproduziert und perpetuiert. Dies sind sicherlich richtige und interessante Überlegungen, jedoch erscheinen sie teilweise recht einseitig, da dadurch Widerstände, Selbstermächtigung, Stolz etc. nicht erkannt bzw. benannt und erklärt werden können.

Veronika Deffner wagt sich mit ihrer Doktorarbeit an eine Thematik heran, die zweifellos anspruchsvoll und neuartig ist, denn Alltagswelt und innere Logik von Favelas in brasilianischen Metropolen gehören zu den empirisch von „außen“ nur schwer zugänglichen Forschungsgegenständen. Umso verdienstvoller ist es, die Annäherung an diese Problemstellung sehr sensibel anzugehen und die Favela-Bewohner_innen selbst sprechen zu lassen. Gleichzeitig erscheinen auch die Wahl der theoretischen Ansätze und ihre Verknüpfung als durchaus geeignet, die wissenschaftliche Be- und Verhandlung von Favelas neu zu überdenken. Gerade der konzeptionellen Fundierung der Arbeit ist es jedoch auch zuzuschreiben, dass sich unseres Erachtens Veronika Deffner nicht immer der Gefahr der Reproduktion von Stigmata gegenüber Favelas und ihren Bewohner_innen entziehen konnte. Die Alltagswelt Favela wird nahezu ausschließlich mit negativen Begriffen konnotiert. Selbst positive Äußerungen von Favela-Bewohner_innen zu ihrer Lebenswelt werden als verinnerlichte und unterbewusste Strategien von Frustrationsabbau, Schicksalsergebenheit, Selbstwertschätzung, horizontaler Diskriminierung und Gegenignoranz gewertet und damit ins Negative gewendet. Die Interpretationen der Aussagen, die nur partiell auf sozioökonomische und machtpolitische Differenzierungen innerhalb der Favela-Gesellschaft eingehen, mögen dem methodischen Vorgehen geschuldet sein, das Einzelzitate sehr unterschiedlicher Personen und – vermutlich – Lebenszusammenhänge zu gleichen Argumentationssträngen aneinanderreiht und damit kaum ein Herausarbeiten einer stark in sich differenzierten Lebenswelt Favela zulässt.

Veronika Deffners Arbeit zur sozialen Grammatik ungleicher Raumproduktion in Salvador da Bahia stellt damit eine anregende, aber teilweise auch widersprüchliche Lektüre dar. Denn einerseits ermöglicht sie erkenntnisreiche Einblicke in die Lebenswelten von Favelas und die subtilen Herrschaftsmechanismen. Andererseits werden erst durch ihre Ableitung einer schamzentrierten Raumproduktion der Alltagswelt Favela, Favelas als Orte der Scham produziert, die so kontraproduktiv zum eigentlichen Anliegen von Veronika Deffner wirken, gerade solche Zuschreibungen zu hinterfragen.
Martina Neuburger
Katharina Schmidt

Quelle: Erdkunde, 67. Jahrgang, 2013, Heft 1, S. 96-98

 

vgl. auch die Besprechung von Ute Ammering

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