Jörg Gertel: Globalisierte Nahrungskrisen – Bruchzone Kairo. Bielefeld 2010. 455 S.

Die mediale Konzentration auf die politisch-demokratischen Aspekte der Aufstände in Ägypten vom Februar dieses Jahres verdrängen leicht, dass die von Tunesien ausgehende Revolte neben Freiheit Würde und soziale Gerechtigkeit einforderte. Die Volksbewegung hatte ihre Vorläufer in den großen Arbeiterstreiks von 2006 und 2008, die von Brotaufständen angesichts steigender Lebensmittelpreise ausgegangen waren.

Dass ›Brot‹ im Ägyptischen synonym ist mit ›Leben‹ trifft sich mit dem Anspruch des Verf., der über eine Fallstudie hinauszielt. Angesichts der zunehmenden Urbanisierung der Weltbevölkerung seien gerade in den Megastädten der Dritten Welt die zukünftigen Brennpunkte der Politik zu sehen. Stabilität wird sich dort nur erreichen lassen, wenn die Grundbedürfnisse befriedigt werden, vor allem ausreichende und bezahlbare Nahrungsmittel zur Verfügung stehen.

Die Ernährungssituation in Kairo mit seinen 17,5 Millionen, zunehmend in Slums lebenden Einwohnern, reflektiere die Lage anderer Megacities in den Ländern des Trikont. Leistungsfähigkeit und Preise der urbanen Versorgungssysteme seien entscheidend von externen Faktoren bestimmt. Eingebunden in ein weltweit operierendes Netz von Produktion und Handel, hängen die Weltmarktpreise für Landwirtschaftsprodukte von der Warenterminbörse in Chicago und einer Handvoll im Westen ansässiger Transnationaler Konzerne (TNK), die den Welthandel mit Nahrungsmitteln monopolisieren, ab. Betroffen sind vor allem die Armen, die als ständige Nachfrager eine unerschöpfliche Quelle für die Profitmaximierung der Anbieter darstellen. Wie politisch brisant diese Strategie ist, zeigen die auf über eine Milliarde verdoppelte Zahl der weltweit Hungernden, deren Halbierung sich die UN in ihren Milleniumszielen vorgenommen hatte, und die 2008 vielerorts ausgebrochenen Hungerrevolten. Verf. illustriert die Folgen der Preis- und Verteilungskämpfe im globalen Nahrungsmittelsektor anhand der neoliberalen Wende der ägyptischen Politik. Die verstärkte Integration in den Weltmarkt war von einer Rücknahme staatlicher Eingriffe und dem Abbau von Subventionen bei gleichzeitiger Privilegierung des Privatsektors begleitet. Aufgezeigt wird, wie der Prozess der Verlängerung der Warenketten die territoriale Entgrenzung beschleunigt und zugleich Verantwortlichkeiten entkoppelt. Der mit dem Versprechen hohen Wachstums vollzogene Politikwechsel hatte eine generelle Ausweitung sozialer Ungleichheiten und ein verschärftes Hunger- und Gesundheitsrisiko gerade bei unteren Einkommensschichten zur Folge. Mit Hilfe eines handlungstheoretischen Ansatzes versucht Verf., Gefüge und Prozess der Lebensmittelversorgung, angefangen beim Weltmarkt über den nationalen Markt bis hinunter auf die Ebene des Haushalts und Individuums, in einen einheitlichen und verbindenden Analyserahmen zu fassen.

Mit seiner umfassenden Perspektive von der globalen zur individuellen, von der politischen zur sozial-strukturellen und wirtschaftlichen, von der theoretischen zur quantitativ empirischen Ebene sowie der Einbettung der Fallstudie in die sozialtheoretische Diskussion (in Anlehnung an Giddens und Bourdieu) ist das Buch richtungweisend. Die Statistiken, Daten- und Wissensbestände, wie sie Wissenschaftler und Entwicklungspolitiker erstellen und benutzen, werden kritisch hinterfragt. Die »diskursive Konstruktion von Entwicklungsproblemen durch das Schreiben über Risiken und Krisen der Nahrungssicherung« (52ff) wird mit der Rekonstruktion der Themen- und Personalauswahl von Beratungs- und Entscheidungsgremien verbunden, in denen mit den Verhältnissen vor Ort wenig vertraute ausländische Wissenschaftler, neoliberale einheimische Politiker und von Partikularinteressen geleitete Vertreter der Geberländer dominieren. Die wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen der Großmarktverlagerung Kairos zeigen die Vorteile einer systematischen Einbeziehung länder- und sprachkundiger Spezialisten in konkrete
Entwicklungsprojekte.

Mit einem handlungstheoretischen Ansatz die Verknüpfung von lokalem Handel und Weltmarkt, die über den Preis als Zugangskriterium gesteuerte Nahrungssituation und die Strategien im Umgang mit Versorgungssicherheit und körperlichen Folgen beim Endverbraucher verfolgen zu wollen, leuchtet ein. Doch gelingt das nicht, die einzelnen Kapitel stehen für sich. So wird die Einbindung und Abhängigkeit Kairos von globalen, von TNK gesteuerten, metropolitanen Agro-Food-Systemen an der Getreideversorgung gezeigt, das Kapitel über den »Austausch« (119ff) hingegen bezieht sich v.a. auf den national/regional belieferten Obst- und Gemüsemarkt. Die Ausführungen zu Kapazitäten, Strategien und physischen Auswirkungen von Nahrungsunsicherheit bei städtischen Armutsgruppen beruhen fast nur auf Erhebungen vom Anfang der 1990er Jahre. Gerade die langfristigen Auswirkungen neoliberaler Politik bleiben ein Desiderat. Das entlang räumlicher clusters und nach Wohnsituation strukturierte Sample verstärkt die Vermutung, dass die Daten ursprünglich mit einem anderen Fragehorizont erhoben wurden.

Zwar ist es eher ein Kompendium von Fallstudien mit dem Schwerpunkt Kairo; die Dimension der politischen Implikationen globaler Nahrungsunsicherheit bedarf weiterer empirischer Erforschung; doch mit der guten Dokumentation mit zahlreichen Karten, Abbildungen und Tabellen ist es ein weiterführendes Buch.
John P. Neelsen (Tübingen)

Quelle: Das Argument, 54. Jahrgang, 2012, S. 284-286

 

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