Benno Werlen: Gesellschaftliche Räumlichkeit. Band 2. Konstruktion geographischer Wirklichkeiten. Stuttgart 2010. 362 S.

Der vorliegende Band (Gesellschaftliche Räumlichkeit, Band 2) ist eine Retrospektive zu Werlens bisheriger Arbeit und liest sich sogleich wie ein Manifest für ein Umdenken innerhalb der Geographie. Werlens grosses Ziel ist es, die Geographie von einer traditionellen, biologistisch dominierten hin zu einer praxisorientierten, handlungstheoretischen (Sozial-)Geographie zu führen. Zwei Bände sind dafür nötig: Der Erste nimmt eine ontologische Klärung des Status von Gesellschaft und Raum vor und zeigt die methodologischen Konsequenzen für eine praxiszentrierte Geographie auf. Der zweite Band geht einen Schritt weiter, indem er die Prozesse der” Konstruktion geographischer Wirklichkeiten“ nachzeichnet und die alltäglichen Formen des” Geographie-Machens“ in den Mittelpunkt wissenschaftlichen Arbeitens stellt. Die aktuelle Rezension fokussiert auf den zweiten Band: Gesellschaftliche Räumlichkeiten 2. Konstruktion geographischer Wirklichkeit.

 

Eine Zusammenschau des eigenenWerkes ist besonders in der Philosophie und in der Soziologie weit verbreitet – nicht aber in der Geographie. Werlen unternimmt dieses Wagnis – und es scheint ihm gelungen: Er liefert eine systematische Erschliessung des argumentativen Zusammenhangs auf dem Weg zu einer handlungszentrierten Sozialgeographie. Demnach bauen die f¨unf Kapitel des Bandes aufeinander auf: Das Erste konzentriert sich auf traditionelle und aktuelle Raumkonzeptionen, im zweiten Kapitel verhandelt Werlen das Verhältnis von Kultur und Raum, um im Folgenden unter der Kapitelüberschrift” Territorialisierung und Globalisierung“ die Umgestaltung des Gesellschaft – Raumverhältnisses in Wissenschaft und Alltag zu thematisieren. Davon ausgehend setzt er sich in den letzten beiden Kapiteln einerseits mit den sozialen Praktiken der Geographie, insbesondere mit der Geographie des eigenen Lebens und andererseits mit der Entwicklung einer gesellschaftlichen Ökologie auseinander, in denen er Fragen von Gesellschaft und Natur diskutiert.

Die Texte – allesamt lesenswert, haben jedoch an vielen Stellen ihre Aktualität eingebüsst und hinken zuweilen dem Zeitgeist hinter her. Mehr als einmal stellt sich beim Lesen die Frage, für welche Zwecke die Zusammenschau gedacht ist: Sicherlich nicht als Monographie, die es gilt, intensiv von der ersten bis zur Seite zu studieren. Dafür entstammen die Texte Werlens allzu oft unterschiedlichen Anlässen: Die Verleihung der Ehrendoktorwürde für Antony Giddens, ein Beitrag für eine sozialwissenschaftliche Zeitschrift, ein Vortrag auf einem Geographentag, oder ein Interview mit dem Schweizer Fernsehen zum Thema Google Earth. Inhalte und Zielsetzungen der Aufsätze überschneiden sich darum oftmals. Immer wieder arbeitet er sich mit Hilfe Antony Giddens an traditionalistischen Ansätzen geographischen Arbeitens ab und warnt zugleich vor der Raumversessenheit innerhalb wie ausserhalb der Geographie, sowie vor einer Raumvergessenheit in den Sozial- und Kulturwissenschaften.

Werlens Werk bleibt leider in dem Credo einer handlungszentrierten Sozialgeographie stecken, das die Auseinandersetzung mit aktuellen Tendenzen etwa denjenigen der Akteur-Netzwerk-Theorie scheut. Er scheint in der Wissenschaftsgeschichte stehen geblieben zu sein, wenn er immer wieder dem Holismus, Biologismus und Naturalismus das Wort redet, ohne neuere Tendenzen etwa derjenigen Latours – welche gerade dem Materiellen wieder mehr Beachtung schenkt, kritisch zu reflektieren. Auch findet sich für die qualitative Sozialforschung wenig methodische Anleitung für ein erfolgreiches empirisches Arbeiten im Rahmen einer handlungstheoretischen Forschung.

Was diese Zusammenschau aber leistet ist vor allem Eines: Sie macht die Sozialgeographie Werlens in ihrer ganzen Breite zugänglich und schafft die Möglichkeit, diese kritisch zu reflektieren. Werlen bezieht Position für einen konstruktivistischen Raumbegriff, der jeglichem kruden Materialismus und Determinismus das Worte redet und somit gute Grundlagen für eine kritische Forschung „Gesellschaftlicher Räumlichkeiten“ schafft.

Michaela Schmidt
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Quelle: Geographica Helvetica, 67, 167–168, 2012

www.geogr-helv.net/67/167/2012/
doi:10.5194/gh-67-167-2012
© Author(s) 2012. CC Attribution 3.0 License.

 

 

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Benno Werlen: Gesellschaftliche Räumlichkeit 2. Konstruktion geographischer Wirklichkeiten. Stuttgart 2010. 362 S.

 

Benno Werlen: Globalisierung, Region und Regionalisierung. Sozialgeographie alltäglicher Regionalisierungen, Bd. 2. Stuttgart 2007. 2., völlig neu bearbeitete Auflage.
Benno Werlen (Hg.): Sozialgeographie alltäglicher Regionalisierungen, Bd. 3: Ausgangspunkte und Befunde empirischer Forschung. Stuttgart 2007.

 

Benno Werlen (Hg.): Sozialgeographie alltäglicher Regionalisierungen. Band 3: Ausgangspunkte und Befunde empirischer Forschung. Stuttgart 2007 (Erdkundliches Wissen 121). 336 S.

 

Werlen, Benno: Sozialgeographie. Eine Einführung. Bern, Stuttgart, Wien 2000. 400 S.

 

 

Werlen, Benno: Sozialgeographie. Eine Einführung. Bern, Stuttgart, Wien 2000. 400 S.

 

 

Benno Werlen: Sozialgeographie alltäglicher Regionalisierungen. Band 2: Globalisierung, Region und Regionalisierung. Stuttgart 1997 (Erdkundliches Wissen 119). 464 S.

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