Alex Demirovic, Julia Dück, Alex Demirivic u.a.Florian Becker u. Pauline Bader (Hg.): VielfachKrise im finanzmarktdominierten Kapitalismus. In Kooperation mit dem Wissenschaftlichen Beirat von Attac. Hamburg 2011. 232 S.

Verf. konzipieren die gegenwärtigen Krisenprozesse als multiple Krise - "eine historisch-spezifische Konstellation verschiedener sich wechselseitig beeinflussender und zusammenhängender Krisenprozesse im neoliberalen Finanzmarktkapitalismus" (13) - und möchten sechs Gedanken stark machen: 1. Es gibt Krisen, auch wenn die Rede vom Ende der Wirtschafts- und Finanzkrise ist. 2. Neben letzterer gibt es weitere Krisen. 3. Es ist notwendig, nach dem Zusammenhang zwischen verschiedenen Krisen zu fragen. 4. Krisen betreffen immer auch soziale Lebenszusammenhänge und können aus unterschiedlichen Perspektiven gedeutet werden. 5. Eine Analyse von Krisenprozessen schließt die Analyse und Kritik der Krisenbearbeitung ein. 6. Krisen können sowohl emanzipatorische als auch anti-emanzipatorische Politiken stärken (7ff).

 

Sie verstehen Krisen im Anschluss an Gramsci als ein "umkämpftes soziales (Kräfte) Verhältnis" (26), was auch für die Analyse und Deutung von Krisen zuträfe. So werden in den Beiträgen die Stärken und Schwächen unterschiedlicher theoretischer Herangehensweisen diskutiert: In Abgrenzung zu einem linearen Krisenverlauf und unter Zurückweisung eines objektivistischen Krisenbegriffs (26) werden kreislauftheoretische Erklärungsansätze dargestellt, die davon ausgehen, dass es einen Basiskreislauf von Geld - Ware - Geld gibt, mit dem "eine Vielzahl von weiteren Prozessen verbunden" ist (11) und die die Entstehung einer multiplen Krise dann sehen, wenn dabei "verschiedene Krisendynamiken zusammentreffen, sich wechselseitig verstärken und beschleunigen". Thomas Sablowski skizziert die krisentheoretische Auseinandersetzung unter Marxist/innen und stellt dem Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate sowie der ›Profit squeeze-Theorie‹ die Unterkonsumtions- bzw. Überproduktionstheorie gegenüber, wobei er davon ausgeht, dass für die aktuelle Krise letzter Ansatz geeignete Erklärungen liefern kann (35).

Wird Krise als ein Phänomen verstanden, das die Fortsetzung des Bisherigen unterbricht, gelangen die Beiträge bei einer Gegenwartsanalyse zu unterschiedlichen Einschätzungen. Einerseits spricht Sablowski von der "tiefsten Rezession der Weltwirtschaft seit der Großen Depression der 1930er Jahre" (29), andererseits weisen Ulrich Brand und Markus Wissen darauf hin, dass beispielsweise die "objektive Dramatik des Klimawandels und die Radikalisierung des ökologischen Protests [...] im Gegensatz zu den Folgen der ökonomischen Krise und der vorherrschenden Formen ihrer Bearbeitung kaum die Alltagsebene der Menschen im globalen Norden" erreichen (79) und dass es eine "Gleichzeitigkeit von Krise und Kontinuität kapitalistischer Naturverhältnisse" (86) gibt. Diese unterschiedlichen Einschätzungen sind der Tatsache geschuldet, dass sich eine Analyse der "VielfachKrise" aus dem Ensemble aller Beiträge ergibt und nicht in jedem einzelnen Beitrag angelegt ist. Dies gilt auch für das Zusammenspiel von Handlungs- und Strukturtheorie. Einige Beiträge heben eine subjektive Sicht hervor und beleuchten die Auswirkungen der Krise auf die konkreten Lebensverhältnisse von Menschen (z.B. Christa Wichterich, 136; Tomke König u. Ulle Jäger, 147ff), andere stellen die strukturellen Veränderungen aus einer objektiv-analytischen Perspektive ins Zentrum (z.B. Sablowski, 29ff; Mario Candeias, 45ff). Folglich wird einerseits eine "Diskrepanz zwischen den objektiven Widersprüchen und der Entwicklung des ›subjektiven Faktors‹" (Sablowski, 42) konstatiert, während Alex Demirovic davon ausgeht, dass eine Krisenanalyse immer die Analyse der Lebensverhältnisse einschließt (74). Des Weiteren werden Krisen und "molekulare Veränderungen" unterschieden, die - so charakterisiert Candeias sie im Anschluss an Gramsci - konjunkturell/gelegenheitsbedingt oder organisch/ strukturell sein können und sich zu Krisen verdichten könnten (47f). Demirovic weist darauf hin, dass die Unterscheidung von "Prozesse(n) der normalisierten Reproduktion und der konkreten Krise" (69) bedeutsam sei.

Indem verschiedenen Krisen(schwerpunkten) jeweils einzelne Beiträge gewidmet sind, tragen Verf. den unterschiedlichen Krisendynamiken in einzelnen Regionen und Wirtschaftssektoren sowie den unterschiedlichen Krisenerfahrungen der Geschlechter Rechnung. Demirovic weist zudem darauf hin, dass es zwar einen inneren Zusammenhang zwischen verschiedenen Krisenformen gibt, dass diese sich jedoch nicht immer gleichzeitig zeigen und beschreibt diesbezüglich, "dass die herrschende Politik durch die ökonomische Krise nicht als solche schon geschwächt oder gar in eine Krise gestürzt wird" (67) und dass es derzeit in Deutschland Elemente einer politischen Krise, einer Staatskrise und einer Legitimationskrise gebe, da "die Allianz zwischen den Herrschenden und Teilen der Mittelklassen nicht mehr stabil ist" (73), aber keine Hegemoniekrise (74). Wichterich analysiert hingegen, "dass der Finanzcrash von 2008/09 sich über eine Reihe permanenter und periodischer wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Krisen wölbte" (129).

Über die in den Beiträgen meist zweidimensionale Analyse des Zusammenhangs zwischen Krisen, z.B. zwischen ökonomischer und politischer Krise (Demirovic, 64ff), zwischen ökonomischer und ökologischer Krise (Brand/Wissen, 79ff), zwischen Finanz- und Ernährungskrise (Uwe Hoering, 111ff) oder zwischen Finanzkrise und Krise der Sorgeökonomie (Wichterich, 134) entsteht ein mehrdimensionales Bild aktueller Krisenprozesse im Spannungsfeld von Globalem und Lokalem und es werden Perspektiven einer mehrdimensionalen Bearbeitung angeregt. Bedeutsam ist der Hinweis, dass es Unterschiede zwischen der theoretischen Analyse von Krisen und der Praxis gibt, denn während Krisen in der Theorie im Wissen um den inneren Zusammenhang analytisch unterscheidbar sind, "verschmelzen die verschiedenen Krisen" in der Praxis, vor allem in Ländern des globalen Südens, "zu einer komplexen Notlage" (136). Die analytisch unterschiedenen Krisenprozesse verstärken sich nicht nur gegenseitig, sondern durch sie werden auch bestehende soziale und räumliche Ungleichheiten verschärft. Die herrschenden Formen der Krisenbearbeitung verstärken diese beiden Tendenzen. Die getrennte Betrachtung einzelner Krisenerscheinungen kann als "analytisches Konstrukt" (97f) verstanden werden, so Achim Brunnengräber und Christina Dietz, und stellt keine Theorielücke dar. Die historische Einordnung aktueller Krisenprozesse bei Beverly Silver und Giovanni Arrighi (211ff) sowie Hinweise auf bestehende Zusammenhänge machen einen Kerngedanken stark, der für alle Beiträge gilt und der sich als roter Faden durch das Buch zieht: Die Externalisierung der Reproduktion von menschlicher Arbeit und Natur führt auf die Dauer zu Krisen in allen Bereichen des menschlichen Wirtschaftens und auch des Politischen.
Beate Friedrich (Lüneburg)

Quelle: Das Argument, 53. Jahrgang, 2011, S. 621-623

 

weitere Besprechungen zum Thema:

Elmar Altvater: Der große Krach oder die Jahrhundertkrise von Wirtschaft und Finanzen, von Politik und Natur. Münster 2010.

Werner Plumpe, unter Mitarbeit von Eva J. Dubisch: Wirtschaftskrisen. Geschichte und Gegenwart. München 2010.

BEIGEWUM & Attac: Mythen der Krise. Einsprüche gegen falsche Lehren aus dem großen Crash. Hamburg 2010.

Andreas Wehr: Griechenland, die Krise und der Euro. Köln 2010.

Carmen M. Reinhart, Kenneth S. Rogoff: This time is different. Eight centuries of financial folly. Princeton 2009.

Norman Backhaus: Globalisierung. Braunschweig (Das Geographische Seminar) 2009.

Joseph Vogel: Das Gespenst des Kapitals. Zürich 2010.

Gordon L. Clark, Adam D. Dixon, Ashby H. B. Monk (Eds): Managing financial risks: From global to local. Oxford 2009. 

 

 

 

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